Medien

Zwitschern gegen die Bahn

Durch den erneuten PR-Gau der Deutschen Bahn erhält jetzt auch die deutsche Twitter-Szene breitere öffentliche Aufmerksamkeit.

4. Februar 2009. Seit knapp acht Jahren betreibt der Berliner Markus Beckedahl das Weblog „Netzpolitik.org.“ Dafür erhielt der Organisator des Blogger-Kongresses re:publica schon mehrere Auszeichnungen. Mit seiner Firma newthinking communications GmbH berät er nach eigenen Angaben „Organisationen und Unternehmen in Fragestellungen der digitalen Welt.“ Als gestern eine Abmahnung der Deutschen Bahn per E-Mail-Anhang bei ihm einging, brauchte Beckedahl selbst guten Rat – und suchte den unter anderem bei seinen „Followers“ im Mikroblogdienst „Twitter“.

Markus Beckedahl hatte am vergangenen Samstag (31. Januar 2009) im Zusammenhang mit der Rasterfahndung gegen 173.000 Mitarbeiter der Deutschen Bahn eine Aktennotiz des Berliner Landesdatenschutzbeauftragten bei „Netzpolitik“ veröffentlicht, die er nach eigenen Angaben „aus anonymer Quelle“ erhalten hatte. Brisante Inhalte des Papiers sind „Notizen über ein Gespräch mit der Deutschen Bahn AG über die Geschäftsbeziehungen des Unternehmens mit der Network Deutschland GmbH am 28. Oktober 2008“.

Obwohl Berichte über die so genannte Spitzelaffäre bei der Bahn am Wochenende zu den Topstorys deutscher Medien gehörten, war Beckedahl zunächst überrascht, „dass das Dokument kaum Interesse fand.“ Das änderte sich erst, nachdem am Dienstagmittag (3. Februar 2009) eine Abmahnung der Deutschen Bahn per E-Mail bei dem Berliner Blogger eingegangen war und er darüber bei „Netzpolitik“ berichtet hatte. Zudem schickte er bei „Twitter“ einen Hilferuf an seine „Followers“, das sind Mitglieder des Mikroblogdienstes, die Beckedahls Einträge per Abonnement regelmäßig beziehen.

In der deutschen „Twitter-Szene“, in der sonst eher Belanglosigkeiten, Surf-Tipps und PR-Mitteilungen verbreitet werden, sorgte Beckedahls Mitteilung sofort für beträchtlichen Wirbel. „Zum ersten Mal hab ich bewusst bemerkt, wie viele Follower ich bei Twitter habe, denn die Weiterleitungen meines Hilfe-Tweets hören gar nicht mehr auf“, resümierte der ambitionierte Blogger am Dienstagabend bei „Netzpolitik“. Aus der Mikroblogsphäre schwappte das Interesse schnell auf die Bloggerszene und schließlich auch auf die Mainstream-Medien über. Alle großen und einflussreichen deutschen Newsportale im Internet wie „Spiegel Online“, „Focus.de“ und „Der Westen“ berichteten im Laufe des Dienstagnachmittags über die Abmahnung der Deutschen Bahn gegen den Berliner Blogger. „Deutsche Bahn mahnt Blogger ab und legt ein Lauffeuer“, titelte zutreffend die Online-Ausgabe der „Hessischen Allgemeinen“.

Tatsächlich hat der Bahnvorstand nach den unbeholfenen und widersprüchlichen öffentlichen Äußerungen im Zusammenhang mit der „Spitzelaffäre“ durch dieses kurzsichtige juristische Vorgehen gegen Markus Beckedahl einen erneuten PR-Gau produziert. Dass diese weitere Affäre um Mehdorn und Co. schnell der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, ist nicht zuletzt ambitionierten „Twitterern“ zu verdanken.

Nach den Twitter-Meldungen über die Terroranschläge von Mumbai (Bombay) und die über den Twitter-Bilderdienst „Twitpic“ verbreiteten ersten Bilder der spektakulären Notlandung einer Passagiermaschine auf dem Hudson in New York, die weltweit für Aufsehen sorgten, hat jetzt auch die deutsche „Twitter-Szene“ ihren ersten Achtungserfolg erzielt. Marcus Beckedahl fühlt sich durch so viel Zuspruch offenbar bestärkt. Bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags hat er trotz massiver Androhung juristischer Konsequenzen das brisante Papier des Berliner Datenschutzbeauftragten aus seinem Blog noch nicht entfernt.

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