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„Zeckenmelder“ im Auftrag der Pharmaindustrie

Zwielichtige PR-Aktion im Auftrag der Pharma-Industrie auf der Website von Antenne Thüringen.

12. Mai 2009 | Zugegeben – es war nicht ganz ernst gemeint, als blogmedien am Montag über den „Zeckenalarm bei Antenne Thüringen“ berichtete. Doch der vermeintlich blöde Einfall der Radiomacher aus Weimar stellt sich bei näherem Hinsehen als eine zwielichtige PR-Aktion im Auftrag der Pharmaindustrie heraus.

Ziel der von der PR-Agentur Schlenker lancierten Kampagne ist es ganz offensichtlich, die Zahl der Impfungen gegen die von Zecken verursachte Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) zu erhöhen – und damit die Umsätze der Pharmaindustrie zu steigern. Über die geringe Zahl der Erkrankungen durch FSME und m?gliche gefährliche Nebenwirkungen der Impfung, werden die Nutzer der Antenne-Website allerdings im Unklaren gelassen.

Report Mainz hatte erst in der vergangenen Woche über die „verantwortungslosen Kampagnen der Pharmaindustrie“ berichtet und dabei den Fall eines achtjährigen Mädchens geschildert, das nach einer FSME-Impfung vor vier Jahren nur knapp dem Tod entkam, seitdem ein schwerer Pflegefall ist. Allein im Jahr 2008 soll es nach Erkenntnissen der Report-Redakteure zu Komplikationen in 350 Fällen im Zusammenhang mit FSME-Impfungen gekommen sein.

Das steht ganz offensichtlich in einem krassen Missverhältnis zu den 288 Fällen von FSME-Erkrankungen, die das Robert-Koch-Institut im vergangenen Jahr in ganz Deutschland registrierte. Lediglich vier Fälle konnten zweifelsfrei dem Freistaat Thüringen zugeordnet werden. Nach Angaben von Gärard Krause vom Robert-Koch-Institut „verlaufen etwa die Hälfte der Erkrankungen recht harmlos, ähnlich wie Grippe. Todesfälle kamen im letzten Jahr überhaupt nicht vor.“

Die Zahl der von Medizinern als gefährlicher eingeschätzten Borreliose-Erkrankung ist dagegen um ein Vielfaches höher. Für das Jahr 2006 registrierte das Robert-Koch-Institut allein für Thüringen 675 Erkrankungen, Tendenz steigend. Vorbeugende Impfungen gegen die Borreliose sind bislang allerdings in Europa nicht möglich.

„Below-the-line-Ma?nahme“

Von alledem ist im „Online-Ratgeber“ von Antenne Thüringen nichts zu lesen. Stattdessen wird eher der Eindruck vermittelt, dass beide Krankheiten gleich häufig vorkommen und gleich gefährlich sind:

„Zecken können gefährliche Viren und Bakterien übertragen, die zu einer Zeckenhirnhautentzündung oder zu einer Borreliose f?hren k?nnen. Eine Borreliose-Erkrankung kann mit Antibiotika geheilt werden. Eine Zeckenhirnhautentzündung kann jedoch nicht ursächlich behandelt werden – wer wirklich sicher gehen möchte, sollte sich impfen lassen.“

Dass diese und weitere Informationen, darunter auch ein Audio-Podcast mit offener Werbung für die FSME-Impfung, nicht von Antenne-Redakteuren stammen, können Nutzer der Website nur erkennen, wenn sie zufällig auf ein zweites Impressum in der Rubrik „Online-Ratgeber“ geraten. Dort ist zu lesen:

Ratgeberthemen werden im Auftrag von Unternehmen, Verbänden und Ministerien veröffentlicht von SCHLENKER public relations…

Die Agentur verspricht auf ihrer eigenen Website: „Durch gezielte Sonderwerbeformen und Below-the-line-Maßnahmen sorgen wir dafür, dass man von Ihnen hört.“ Unter der Gürtellinie ist in der Tat die Darstellung im „Online-Ratgeber“ von Antenne Thüringen, weil die Nutzer nicht offen über den kommerziellen Hintergrund der „Zeckenmelder“-Aktion informiert werden. Erst nach Anklicken der beiden Links „Zecken.de“ und „Zeckeninfo.de“ sowie dem Aufruf des jeweiligen Impressums wird deutlich, wer hinter der Aktion steckt: Die Pharmaunternehmen Baxter Deutschland GmbH? und Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH & Co. KG. Wie’s der Zufall will – beide Unternehmen sind Hersteller des Impfstoffs gegen FSME-Erkrankungen.

Die Verantwortlichen bei Antenne Th?ringen wären gut beraten, gelegentlich einen Blick ins Telemediengesetz zu werfen. In Paragraph 6 heißt es dort: „Kommerzielle Kommunikationen müssen klar als solche zu erkennen sein.“ Die Kollegen vom rheinland-pfälzischen Radio RPR1 haben ihre „Zecken-Seite“ im Internet zumindest mit dem Wort „Anzeige“ gekennzeichnet.

Besonders viel Mühe haben sich die PR-Spezialisten von Schlenker bei der Umsetzung der Aktion allerdings nicht gegeben. Bei Radio RPR1 und Antenne Thüringen wurden der Einfachheit halber dieselben „Zeckengeschichten“ veröffentlicht. So wie die von Christine, die „leider sehr traurig ist, denn meine Hündin schaffte den Kampf gegen die Hundemalaria, die von einer Auwaldzecke übertragen wurde, nicht.“

Derweil konnten zumindest in Thüringen weitere ungeahnte Erfolge bei der Zecken-Suche erzielt werden. Allein im Raum Weimar, dem Sitz von Antenne Thüringen, wurden seit Sonntagnacht vier weitere Blutsauger aufgespürt – die von blogmedien ausgesetzte „virtuelle Zecke“ nicht mitgezählt.

Danke für Hinweise an mehrere Leser und Nutzer von blogmedien sowie Radioforen.de

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