Medien

„Wer beschützt uns?“

Wie Schüler mit dem „Amoklauf von Winnenden“ allein gelassen werden. 

12. März 2009. Schon vor Beginn der Schule, während der Pausen, in einer Freistunde und auch noch auf der Heimfahrt mit dem Bus hat Julia (10) mit ihren Mitschülern heute nur über ein Thema gesprochen – das schreckliche Verbrechen von Winnenden. Sie berichtet, dass Klassenkameraden sich ausgemalt hätten, was sie tun würden, wenn so ein „Amokläufer hier auftauchen“ würde. Eine Freundin wollte sich im Klassenschrank verstecken, andere waren eher ratlos und schwiegen bei dieser Frage.

Gerüchte, die die Kinder gestern irgendwo im Radio und Fernsehen aufgeschnappt hatten, machten in der fünften Klasse des Rosenheimer Gymnasiums heute die Runde. Jeder wusste etwas zu berichten, manches schien einfach erfunden oder falsch verstanden worden zu sein. Zehn- bis zwölfjährige Kinder haben Probleme, sachliche Informationen von bloßen Gerüchten oder offenkundigen Falschmeldungen zu trennen, die nunmehr seit über 24 Stunden ständig in den Medien verbreitet werden.

Wen wundert das – auch wir Erwachsene sind kaum in der Lage, die schlimmen Ereignisse von Winnenden und Wendlingen einordnen – und schon gar nicht verarbeiten zu können. Dennoch – gerade in einer solch extremen Situation bedürfen Kinder und Jugendliche der besonderen Zuwendung ihrer Eltern – und auch der Lehrer.

In der Schule wurden Julia und ihre Klassenkameraden heute allein gelassen. Ganz so, als hätte es die schrecklichen Morde am Tag zuvor nicht gegeben, wurden Lateinvokabeln abgefragt, englische Lautsprache eingeübt und in Geographie der Bau von Deichen erklärt. Nur über den Amoklauf an der baden-württembergischen Realschule wurde im Unterricht nicht gesprochen. Die drängendste Frage der Kinder blieb unbeantwortet: „wer beschützt uns?“ Auch ich habe auf diese Frage keine Antwort.

Top