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Wenn er kam, war der Raum voll

2. Juli 2016 | Mit Radio Schleswig-Holstein schuf sich Hermann Stümpert selbst ein mediales Denkmal. Zum 30. Jubiläum des R.SH-Sendestarts habe ich noch einmal  persönliche Erinnerungen an einen der Pioniere des Privatradios zusammengefasst.

Über Tote solle man zwar nicht schlecht — aber zumin­dest ehr­lich berich­ten, for­derte Her­mann Stüm­pert nach­hal­tig von mir. Das war vor mehr als 23 Jah­ren. Ich hatte am Abend des 8. Okto­ber 1992 einen län­ge­ren Bei­trag für INFORADIO Ber­lin ver­fasst. Es war ein Nach­ruf auf den gerade ver­stor­be­nen Willy Brandt. Stüm­pert kri­ti­sierte, dass ich den Ex-Kanzler und Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger “in den Hei­li­gen­stand beför­dert” habe. Und er ergänzte noch sinn­ge­mäß, dass er nie­mals “so schwuls­ti­ges Zeug” über sich lesen wolle. Also soll die­se Erinnerung auch so ehr­lich wie möglich beginnen:

Hermann Stümpert beider Party zu meinem 50. Geburtstag im September 2002
Hermann Stümpert bei der Party zu meinem 50. Geburtstag im September 2002 in München

Her­mann Stüm­pert war nie beson­ders flei­ßig und auch nicht immer aus­dau­ernd genug. Seine Stärke war die Krea­ti­vi­tät und seine Über­zeu­gungs­kraft. Wenn er kam, war der Raum voll, sagte man schon bald nach dem Sen­de­start von R.SH — zum Bei­spiel bei den jähr­li­chen Emp­fän­gen im Kie­ler Funk­haus Witt­land. Gemeint war damit nicht seine beträcht­li­che Kör­per­fülle, die ihn selbst offen­bar nicht zu stö­ren schien. Viel­mehr war Her­mann Stüm­pert über Jahre Mit­tel­punkt bei Emp­fän­gen, Kon­gres­sen und Tagun­gen. Alle dräng­ten sich um ihn, waren froh, wenn sie mit dem “Dicken” ins Gespräch kamen.

Stüm­pert gab auch bei Sit­zun­gen mit Gesell­schaf­tern und ande­ren Gre­mien meis­tens die The­men vor und den Ton an. Ich erin­nere mich daran, wie er kurz nach dem “Mau­er­fall” die R.SH-Gesellschafter davon über­zeugte, ein Stu­dio in Schwe­rin auf­zu­ma­chen und mir den Auf­bau über­trug. Auf meine Frage, wie ich denn einen geeig­ne­ten Raum “im Osten” fin­den — und die Über­mitt­lung von aktu­ellen Bei­trä­gen sicher­stel­len solle, zuckte er mit den Schul­tern, grinste hin­ter sei­nem gewal­ti­gen grauen Bart her­vor und beschied mir, dass das meine Auf­gabe sei — er habe schließ­lich den Weg bei den Gesell­schaf­tern freigemacht.

So habe ich ihn in Erin­ne­rung: Her­mann Stüm­pert hatte die Ideen, räumte große Hin­der­nisse bei­seite, ebnete Wege — und über­ließ die Detail­ar­beit schließ­lich ande­ren, denen er aber stets den Rücken frei­hielt, wenn bei­spiels­weise Kri­tik von außen auf­kam. So auch nach dem Sen­de­start von Radio Schleswig-Holstein 1986.

Lieber-NDR
Plakate und Aufkleber mit frechen Sprüchen zum Sendestart von R.SH im Juli 1986

Es war anfangs wirk­lich gräus­lich, wie sich Mode­ra­to­ren und Nach­rich­ten­leute um die Wette ver­has­pel­ten. Ab und an platzte Stüm­pert der Kra­gen und er setzte sich selbst ins Stu­dio. Dann wurde es noch schlim­mer, weil er stän­dig Knöpfe und Reg­ler im damals noch neuen “Selbst­fah­rer­stu­dio” ver­wech­selte. Wahr­schein­lich auch auf­grund die­ser Erfah­run­gen hat Her­mann Stüm­pert Kri­tik an den Radio­neu­lin­gen nicht beson­ders wich­tig genom­men und statt­des­sen lie­ber nach Talen­ten Aus­schau gehal­ten. Jörg Pilawa, Chris­tian Schrö­der, Joa­chim Stein­hö­fel oder Caren Miosga hat er damals auf den Sen­der gelas­sen — Bewer­bun­gen von erfah­re­nen NDR-Moderatoren dage­gen zumeist igno­riert. Inner­halb von weni­gen Mona­ten hat­ten die neuen Fun­ker aus Kiel den dama­li­gen Quasi-Monopolisten NDR an die Wand gesen­det. Zwi­schen Flens­burg und Lüne­burg war fast nur noch der neue Sen­der zu hören. Auf­bau und Eta­blie­rung von R.SH war Her­mann Stüm­perts her­aus­ra­gende Leis­tung — zumin­dest beruflich.

Mit spä­te­ren Pro­jek­ten wie dem ers­ten deut­schen Nach­rich­ten­sen­der INFORADIO Ber­lin, dem bran­den­bur­gi­schen Regio­nal­sen­der BB-Radio oder dem Spe­zi­al­for­mat ROCKRADIO konnte er nie wie­der an den Erfolg in Kiel anknüp­fen, was er manch­mal im enge­ren Gesprächs­kreis zu vor­ge­rück­ter Stunde sicht­lich bedau­erte. In den letzten Jah­ren seines Lebens hatte sich der Pio­nier des deut­schen Pri­vat­ra­dios immer mehr aus dem Geschäft zurück­ge­zo­gen. Immer sel­te­ner beriet er Pro­gramm­ma­cher. Her­mann Stüm­pert gefiel das, was aus den Radios kam, immer weni­ger, wie er mir im Herbst 2002 in einer lang durch­dis­ku­tier­ten Nacht in Mün­chen sagte. Ein hal­bes Jahr vor sei­nem Tod fasste er Kri­tik und Vor­schläge für die Zukunft sei­nes Lieb­lings­me­di­ums in dem Buch “Ist das Radio noch zu ret­ten” [Link zu Amazon] zusam­men. Ich hatte damals das Gefühl, die­ses Buch sei der Auf­takt zu einer neuen Ära Stüm­pert, weil ich mir Radio in Deutsch­land ohne den „Dicken“  nicht vor­stel­len konnte. Ver­mut­lich hatte er doch noch eini­ges vor.

Hermann Stümpert verstarb unerwartet in der Nacht zum 2. Okto­ber 2005 im Alter von nur 56 Jah­ren. Er hin­ter­ließ seine Frau und zwei Söhne.

Hinweis: Teile dieses Beitrags stammen aus meinem Nachruf auf Hermann Stümpert, den ich nach Bekanntwerden seines Todes am 4. Oktober 2005 veröffentlicht habe.

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