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„Wenn er gegen Schalke gewonnen hätte…“

…wäre uns am Montagabend ein peinliches „Sportschau-Extra“ zur besten Sendezeit im „Ersten“ über den Klinsmann-Rauswurf bei Bayern München erspart geblieben.

27. April 2009 | „Angst vor der Schweinegrippe“ war der Titel des „Spezials“, das das ZDF am Montagabend nach der Hauptausgabe von „heute“ um 19.20 Uhr angesichts der nicht einzuschätzenden Risiken der Pandemie zu recht sendete. Angst vor der Schweinegrippe hatten vor allem wohl die ARD-Verantwortlichen, als sie sich allen ernstes dazu entschlossen, am Montagabend zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr statt eines „Brennpunkts“ zu diesem beherrschenden Thema, ein „Sportschau-Extra“ unter dem Titel „FC Bayern München entlässt Jürgen Klinsmann“ auszustrahlen.

Man mag – zumindest mit Bayern-Anhängern – noch darüber streiten, ob es tatsächlich Aufgabe eines gebührenfinanzierten Programms ist, die eigenwillige Personalpolitik des ins Trudeln geratenen ehemaligen Spitzenclubs in einer Sondersendung aufzuarbeiten. Keinen Streit kann es indes bei der journalistischen Bewertung des von Gerhard Delling moderierten „Sportschau-Extras“ geben: Das war zweifellos ein neuer Tiefpunkt in der Geschichte öffentlich-rechtlicher Sondersendungen aus aktuellem Anlass.

Weniger geht wohl kaum: Zu Beginn des Extras werden Stimmen zum Klinsmann-Rauswurf eingespielt, darunter so ausgewiesene Fußball-Experten wie Grünen-Chefin Claudia Roth, die sich als Bayerin über die Niederlage gegen Schalke ärgert. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz bekennt öffentlich und mutig, dass er ein „großer Klinsmann-Fan“ sei, obwohl der SPD-Mann aus Hamburg stammt. Und sonst? Nichts, was wir nicht schon den ganzen Tag lang gesehen, gehört oder gelesen hätten. Bilder und Töne von der Bayern-Pressekonferenz, vom ausnahmsweise mal nicht lächelnden Klinsmann bei der Abfahrt nach seinem Rauswurf und ein Rückblick auf dessen kurze Karriere bei den Bayern. Also alles das, was ein pfiffiger Praktikant aus dem vorhandenen Bild- und Tonmaterial innerhalb von Minuten zusammenschneiden könnte.

Markwort als Ersatzmann für Hoeneß, Rummenigge und Co.

Und weiter? Kein Hoeneß, Rummenigge oder Beckenbauer im Interview, vom geschassten Trainer oder dessen Nachfolger Jupp Heynckes ganz zu schweigen. Eine kritische journalistische Auseinandersetzung mit der Rolle der Bayern-Oberen, die schließlich Klinsmann verpflichtet hatten, fand selbstredend ebenfalls nicht statt – vermutlich aus Angst davor, dass der ruppige Bayern-Manager Uli Hoeneß den Mikrofonhaltern der ARD künftig sein Wort verweigern könnte oder gar seine Forderung nach Einführung eines Solidarit?tszuschlags für die vermeintlich notleidende Bundesliga wiederholt.

Um die langen 15 Minuten des „Sportschau-Extras“ dennoch irgendwie zu füllen, kam im Verlauf des Montags irgendjemand aus der ARD wohl auf die Idee, FOCUS-Chef Helmut Markwort als Ersatzmann für Hoeneß und Co. anzuheuern. Der „erste Journalist“ aus dem Hause Burda kann und weiß bekanntlich alles und ist dazu auch noch Mitglied des Aufsichtsrats der Bayern. Welch ein Glücksfall für den öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus. Dank Markworts intimer Kenntnisse erfuhr so ein Millionenpublikum, dass Jürgen Klinsmann wohl noch immer Trainer des FC Bayern wäre, „wenn er gegen Schalke gewonnen hätte“. Und uns wäre eine peinliche Sondersendung erspart geblieben. Übrigens – zum Thema Schweinegrippe hätte Studiogast Markwort vermutlich genauso fundiert Auskunft geben können.