Medien

Wenn andere recherchieren

Wie die „Mainzelmänner“ eine Pressemitteilung des NDR einfach „nachdrehten“ und die Quelle für brisante Informationen über die HSH Nordbank gegenüber ihren Zuschauern verheimlichten.

16. Oktober 2009. Am Ende dieser Woche könnte die Redaktion von NDR Info in die jüngere Geschichte des deutschen Hörfunkjournalismus eingehen. Seit Montag veröffentlichten Redakteure des Nachrichtenkanals gleich drei exklusive Beiträge, die allesamt aufmachertauglich sind:

  • Montag, 12. Oktober 2009: Bundeswehrpistolen auf Schwarzmärkten in Afghanistan und Pakistan.
  • Dienstag, 13. Oktober 2009: Bankchef Nonnenmacher genehmigte verlustreiches Geschäft der HSH Nordbank.
  • Freitag, 16. Oktober 2009: Schwere Datenpanne beim Finanzdienstleister AWD.

Dass so viel erfolgreiche Recherche – zumal von Hörfunkredakteuren – auch schon mal den Neid anderer Redaktionen hervorruft, ist nachvollziehbar. Dennoch – Nachrichtenagenturen und nahezu alle Medien, die über diese Vorgänge berichteten, nannten „NDR Info“ – oder zumindest den „Norddeutschen Rundfunk“ – als Quelle für diese exklusiven Informationen. So auch die Internet-Redaktion von ZDF-heute, die am Montag in einem Textbeitrag über die auf afghanischen und pakistanischen Schwarzmärkten gehandelten ehemaligen deutschen Dienstpistolen berichtete.

In die Fernsehnachrichten der „Mainzelmänner“ gelangte die Geschichte allerdings nicht. Als die NDR-Info-Redakteure Jürgen Webermann und Peter Hornung einen Tag später einen weiteren Skandal um die HSH Nordbank und deren umstrittenen Vorstandsvorsitzenden Dirk Jens Nonnenmacher in einem Hörfunkbeitrag und per begleitender Pressemitteilung öffentlich machten, kam auch die heute-Redaktion nicht umhin, darüber zu berichten.

Die Brisanz der Rechercheergebnisse der NDR-Kollegen war den „Mainzelmännern“ durchaus bewusst, sonst hätten sie ihren – vermeintlich eigenen – Bericht nicht in der Hauptausgabe der Nachrichtensendung am Dienstag um 19.00 Uhr an zweiter Stelle platziert, gleich nach dem Pflichtbeitrag über die laufenden Koalitionsverhandlungen in Berlin. Allerdings vergaßen die ZDF-Leute ihre Zuschauer darüber zu informieren, woher die neuen Erkenntnisse über die Mauscheleien bei der HSH Nordbank stammen. Weder Nachrichtenmoderator Steffen Seibert in der Ankündigung – noch die beiden Redakteure des anschließenden Beitrags, Sohad Khaldi und Christian von Rechenberg, erwähnten „NDR Info“ als Quelle, bedienten sich aber reichlich der dort zusammengetragenen Informationen, wie die Mitschrift des Fernsehberichts zeigt.

Frei nach dem Motto ‚wenn andere recherchieren, können wir uns das ja sparen‘, „drehten“ die ZDF-Leute die Inhalte der Pressemitteilung des Norddeutschen Rundfunks vom selben Morgen einfach nach. Dekoriert wurde der Beitrag noch mit – nicht gekennzeichneten – Archiv-Bildern sowie weitgehend nichtssagenden Äußerungen von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, HSH-Betriebsrätin Sabine Fräse und Monika Heinold, die in der Bildunterschrift als „Finanzexpertin B’90/Grüne“ vorgestellt wurde. Mit journalistischer Sorgfaltspflicht – oder gar fairem Verhalten gegenüber Berufskollegen – hat das wenig gemein, zumal die ZDF-Redakteure in ihrem Beitrag auch ein Dokument ins Bild rückten, mit dem wohl zu belegen ist, dass HSH-Chef Nonnenmacher – entgegen bisheriger Behauptungen – das so genannte Omega-Geschäft selbst genehmigt hatte, das fast zur Pleite der Landesbank geführt hätte.

Zudem geht aus einer – ebenfalls im ZDF eingeblendeten – E-Mail hervor, dass laut NDR-Pressemitteilung „die HSH entscheidende Teile des Omega-Geschäfts offenbar vor der Finanzaufsicht Bafin verheimlicht hat.“ Dass diese brisanten Dokumente von NDR Info stammen, sollte den ZDF-Zuschauern offenbar ebenfalls verheimlicht werden. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass die Hinweise auf die Quelle der Dokumente selbst in Standbildern kaum zu erkennen sind.

Verantwortlich für die Nachrichtensendungen im ZDF ist übrigens Chefredakteur Nikolaus Brender. Der 60-jährige wurde in dieser Woche mit dem „Hanns-Jochim Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus“ ausgezeichnet und daraufhin in der Freitagsausgabe von „Bild“ zum „Gewinner“ ernannt. Begründung: „Er setzt Qualität und Unabhängigkeit auch gegen Widerstände durch.“

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