Best of Medien

Weniger wert, als kalter Kaffee

16. September 2011 | Zufällige Beobachtungen beim völlig respektlosen Umgang mit Zeitungen in den USA. | Titelbild:  Matt Popovich bei Unsplash

Der Herausgeber der „New York Times“, Arthur Sulzberger Jr., sorgte im Herbst 2010 für einiges Aufsehen, als er öffentlich ankündigte: „Wir werden irgendwann in der Zukunft aufhören, die ‚New York Times‘ zu drucken.“ Zum Zeitpunkt wollte – oder konnte – Sulzberger allerdings keine näheren Angaben machen. Hellseherischer Fähigkeiten bedurfte es für diese Prognose allerdings nicht.

Wer für einige Zeit in den Vereinigten Staaten unterwegs ist – so wie wir in den letzten dreieinhalb Wochen, dem begegnet das sprichwörtliche Zeitungssterben fast täglich. Zum Beispiel in einer „Starbucks“-Filiale in Hilton Head Island, einem Urlauberzentrum im Süden South Carolinas an der Grenze zu Georgia. In dem angesagten Kaffeeladen drängen sich Urlauber und Einheimische, um für einen „Café Latte“ 3,25 Dollar zahlen zu dürfen. Selbst scheußlich schmeckender kalter Kaffee mit Eiswürfeln wird für 2,85 Dollar als „Iced Caff-Americano“ zumeist an die Frau gebracht.

Dazu spendiert „Starbucks“ – nach eigenen Angaben in allen US-Filialen – „free, one-click, unlimited Wi-Fi“, wovon die meisten Gäste mit ihren Smartphones oder Notebooks auch gern Gebrauch machen. Einige von ihnen scheinen den Kaffeeladen als Büro oder Studierzimmer zu nutzen. Die ausliegenden Zeitungen, darunter „The New York Times“ und „The Wall Street Journal“ finden dagegen keine Beachtung, genauso wenig wie in den rund 20 anderen „Starbucks“-Filialen, die wir während unserer Reise durch den Südosten der USA besucht haben – vor allem wegen des freien Internetzugangs.

Draußen, auf einem Abstelltisch direkt vor dem Eingang des Kaffeeladens, liegt ein Stapel Zeitungen zur kostenlosen Mitnahme aus. Es sind tagesaktuelle Ausgaben von „USA Today“. Bis vor zwei Jahren war das fünfmal in der Woche (Montag bis Freitag) erscheinende Blatt noch die auflagenstärkste Tageszeitung in den Vereinigten Staaten. Seitdem sank die Auflage von 2,3 auf gut 1,8 Millionen. Größte Tageszeitung in den USA ist jetzt „The Wall Street Journal“, das mit 2,1 Millionen Exemplaren nicht nur die höchste Auflage, sondern auch den größten Anzeigenumsatz erzielt. Hinter „USA Today“ folgt auf Platz 3 „The New York Times“, von der in der Woche durchschnittlich gut 900.000 Exemplare abgesetzt werden.

An Sonntagen ist die Auflage der „New York Times“ mit rund 1,3 Millionen traditionell deutlich höher. Früher erreichte die Sonntagsausgabe vor allem wegen der vielen Kleinanzeigen und Beilagen Umfänge bis zu unglaublichen Tausend Seiten – heute sind es in der Regel nur noch etwa 120. Die Kleinanzeigen sind längst im Internet gelandet.

Wir verzichten darauf, die „USA Today“ bei „Starbucks“ mitzunehmen, die lag schon morgens stapelweise an der Rezeption unseres Hotels kostenlos aus. Als wir mittags wieder an die Rezeption kommen, ist der Stapel kaum kleiner geworden. Kein Wunder, auch draußen am Swimmingpool findet sich kein Zeitungsleser. Viele, die dort auf den bequemen Liegestühlen direkt vor dem herrlichen Panorama der Atlantikküste entspannen, surfen mit ihren Smartphones im Internet.

„Free Wi-Fi“ist längst zu einem wichtigen Ausstattungsmerkmal für amerikanische Hotels und Motels geworden. Auf kaum einer Reklametafel der Motels an den Zufahrtsstraßen zu größeren Städten und Urlauberzentren fehlt der Hinweis auf freien Internetzugang, vielfach mit dem zusätzlichen Versprechen „Highspeed“, das allerdings längst nicht immer eingehalten wird. Zuweilen erinnert die Geschwindigkeit der Internetverbindungen in US-Motels an graue Modem-Zeiten Mitte der 1990er Jahre.

Bis vor wenigen Jahren lockten Hotels und Motels durchreisende Gäste neben Hinweisen auf „Big Screen TV“ und „Free HBO“ (womit der freie Zugang zu einem amerikanischen Pay-TV-Kanal gemeint ist) auch noch mit kostenlosen Zeitungen wie „Free NYT“ oder „Complementary USA Today“ in ihre Unterkünfte. Das ist längst vorbei. Zeitungen, so scheint es, sind in Amerika heutzutage viel weniger Wert als scheußlich schmeckender kalter Kaffee bei „Starbucks“.

Auch ich ertappe mich während unserer Ferienreise bei dem völlig gleichgültigen Umgang mit den Arbeitsergebnissen von Journalisten, denen ich als Professor für Redaktionspraxis eigentlich großen Respekt entgegenbringen sollte. Als wir nach einem plötzlich einsetzenden Wolkenbruch während unseres Aufenthalts in der „Forrest-Gump-City“ Savannah in unser Motel kommen, bitte ich unsere Tochter: „Geh doch mal eben zur Rezeption und besorge eine ‚USA TODAY'“. Schließlich eignen sich Zeitungen besonders gut zum Ausstopfen völlig durchnässter Schuhe. Nach einigen Minuten kehrt Julia zurück: „Papa, die hatten nur das „Wall Street Journal“. Aber damit werden deine Schuhe doch auch trocken – oder?“

Top