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ARD-Korrespondentin: „Was ich hier sage, sind Vermutungen“

14. November 2015 | Nach den Terroranschlägen von Paris hagelte es Kritik an der Berichterstattung im beitragsfinanzierten Fernsehen. Wohl nicht ganz zu Unrecht, wie eine Nachbetrachtung der ersten Tagesschau-Sondersendung am späten Freitagabend zeigt. Die Mitschrift des „Aufsagers“ der ARD-Studioleiterin aus Paris dokumentiert einmal mehr Hilf- und Ratlosigkeit öffentlich-rechtlicher Korrespondenten in Krisensituationen.

Ellis Fröder ist seit 2012 Leiterin des ARD-Fernsehstudios in Paris. Einen ihrer bislang wohl wichtigsten Auftritte im „Ersten“ hatte sie am Freitagabend um 23.35 Uhr – und der geriet zum Debakel. In der ersten Sondersendung der Tagesschau nach den furchtbaren Anschlägen in Paris vermittelte die eigentlich erfahrene Fernsehjournalistin im so genannten Kollegengespräch mit der Nachrichtensprecherin Susanne Daubner eine Mischung aus Hilf- und Ahnungslosigkeit, gepaart mit Verlegenheitsäußerungen und Spekulationen, so dass man als Zuschauer zwischen Mitleid und Fremdschämen schwankte.

Ganz anders als die vielen vermeintlichen Mäkler bei Facebook, Twitter und Co., sieht das Udo Stiehl. Der Redakteur, Sprecher und Blogger stellte in einem Post noch in der Nacht zum Samstag klar, dass die Zuschauer eine „unerfüllbare Anspruchshaltung gegenüber der übertragenden ARD und auch den Medien insgesamt“ hätten. „Was wollen Sie? Gerüchte, unbestätigtes Geschwätz und nicht verifizierte Bilder aus Internet-Streams?“ fragt Stiehl – schon fast im Stil von Kai Gniffke, dem Ersten Chefredakteur von ARD-Aktuell, der sonst für die verbale Züchtigung vorlauter Kritiker im hauseigenen Blog der Tagesschau zuständig ist. Ähnlich wie Gniffke gibt auch Udo Stiehl gleich selbst die Antworten: „Aus Sicht eines Nachrichtenredakteurs kann ich Ihnen nur sagen: Das bekommen Sie von uns nicht. Stattdessen bemühen wir uns mit Recherche um gesicherte Informationen.“ Und weiter: „Ohne journalistische Überprüfung, ohne redaktionelle Bearbeitung und ohne intensive Recherche ist das alles nicht mehr als Voyeurismus.

Nun ja. Stiehl hätte sich vor Niederschrift solcher hehren  Grundsätze besser noch einmal die erste Tagesschau-Sondersendung nach dem Anschlag ansehen sollen. Die aus Paris zugeschaltete  Studioleiterin der ARD begann – vor einem Greenscreen mit dem nächtlich erleuchteten Eiffelturm – ihre Ausführungen mit der Feststellung „dass ganz Paris im Ausnahmezustand ist“, um sechs Minuten später, gegen Ende der „Schreibtischreportage“ davon auszugehen, „dass die Menschen erst einmal zu Hause bleiben oder versuchen sich an irgendwelche Orte zurückzuziehen, zumindest die Orte zu vermeiden, wo momentan diese Anschläge stattgefunden haben.“ Zumindest versuchte Ellis Fröder gar nicht erst fundiertes Wissen vorzugaukeln: „Was ich hier sage, sind Vermutungen.“ [Hinweis: Die komplette Mitschrift ist am Ende dieses Blogposts nachzulesen.]

Um es klarzustellen – ich habe nichts persönlich gegen Ellis Fröder. Ich habe allerdings viel gegen Verantwortliche in öffentlich-rechtlichen Anstalten, die immer noch nicht in der Lage sind, für Milliarden an Rundfunkbeiträgen eine zuverlässige Berichterstattung auch – und gerade in Krisensituationen zu gewährleisten. Wenn die „Mutter aller deutschen Fernsehnachrichten“ als erste Sondersendung nach dermaßen dramatischen Ereignissen wie am Freitagabend in Paris, lediglich ein sechs Minuten langes Geplänkel zweier in dieser Situation offensichtlich überforderter Fernsehfrauen zustande bringt, dann ist das schon fast eine Bankrotterklärung gegenüber den Zuschauern.

Es ist schwer zu verstehen, dass das „Rückgrat der ARD-Nachrichtensendungen (ARD über das eigene Korrespondentennetz) immer wieder dann versagt, wenn es gefordert wird – so wie zuvor beispielsweise schon bei der Festnahme des zweiten Attentäters beim Boston-Marathon im Frühjahr 2013. Seitdem sind zweieinhalb Jahre vergangen und noch immer scheinen öffentlich-rechtliche Korrespondenten Soziale Medien als Fremdkörper zu betrachten – und nicht etwa auch zur Informationserlangung zu nutzen. So waren auf dem Live-Videoportal Periscope am Freitagabend gegen 22.39 Uhr – also eine Stunde vor der „Live-Schalte“ in der Tagesschau-Sondersendung – mindestens 20 Streams aus der französischen Hauptstadt abrufbar, darunter auch der des Kommunikatiosexperten Remy Buisine, der aus der unmittelbaren Nähe des von Terroristen überfallenen Musikclubs Bataclan berichtete. Knapp 140.000 Zuschauer verfolgten zu dieser Zeit allein diesen Livestream – und waren damit früher und umfassender informiert als deutsche Fernsehzuschauer. Die BBC nutzte solche Informations- und Bildquellen – die deutschen Kollegen nicht.

01-Paris-Periscope

Programmverantwortliche hierzulande ficht das kaum an: „Wir waren sehr gut aufgestellt“, lobte am Samstagabend Christian Nitsche, der Zweite Chefredakteur von ARD-Aktuell, in der radioens-Sendung „Medienmagazin“ (RBB) die eigene Berichterstattung über die Anschläge in Paris. Ob Nitsche das immer noch so sieht, wenn er den nachfolgenden Text gelesen hat?

Abschrift des Kollegengespräch zwischen Susanne Daubner (Nachrichtensprecherin der Tagesschau) und Ellis Fröder (Leiterin des ARD-Studios Paris) in der Sonderausgabe der Tagesschau am 13. November 2015, ab 23.35 Uhr.

Abschrift des Kollegengespräch zwischen Susanne Daubner (Nachrichtensprecherin der Tagesschau) und Ellis Fröder (Leiterin des ARD-Studios Paris) in der Sonderausgabe der Tagesschau am 13. November 2015, ab 23.35 Uhr

Daubner: Jetzt live aus Paris unsere Korrespondentin Ellis Fröder. Wir sehen gerade Livebilder vom französischen Fernsehen. Darauf ist auch ein Polizeieinsatz zu sehen. Wissen Sie näheres?

Fröder:Was man jetzt schon sagen kann, dass ganz Paris im Ausnahmezustand ist. Die ganze Stadt ist voller Blaulicht. Es ist eine große Unruhe in der Stadt. Wir haben ja Anschläge, Explosionen und Schießereien an mehreren Punkten dieser Stadt. Es gab in dem 11. und 10. Arrondissement, einem kambodschanischen Restaurant, einem anderen kleinen Restaurant, gab es Schießereien. Es sollen verschiedene Menschen getötet worden sein. In einer Konzerthalle Bataclan sollte heute Abend ein Heavy Metal Konzert stattfinden. Dort sollen bis zu 100 Menschen als Geiseln genommen worden sein. Die Kollegen von der Sportschau haben es eben gesagt – Präsident Hollande, der auch bei dem Fußballspiel war, hat das Fußballspiel verlassen, ist sofort zurück in den Élysée-Palast gefahren, hat von dort aus die Ereignisse beobachtet und sofort einen Krisenstab einberufen. In Paris spricht man noch nicht von einem terroristischen Hintergrund. Aber, wenn man sieht an wie vielen Stellen der Stadt momentan etwas passiert, kann man fast davon ausgehen, dass es kein Zufall ist, dass Schießereien dort überall stattgefunden haben. Das ganze hat heute Morgen schon begonnen, dass es eine Bombendrohung gegeben hat in einem Hotel, in dem die deutsche Nationalmannschaft gewohnt hat. Heute morgen – wir hatten mit der Polizei telefoniert – hat man das noch verhältnismäßig locker gesehen. Paris ist ja seit den Anschlägen von Charlie Hebdo in der höchsten Terrorwarnstufe. Man hat das natürlich ernst genommen. Man hat das Hotel geräumt. Aber man konnte dort nichts feststellen. Wenige Stunden später gab’s eine Terrorwarnung am Gare de Lyon. Der wurde auch kurzfristig geräumt. Aber auch dort hat man nichts gefunden. Aber, wie gesagt – das ist eigentlich seit Januar fast ein bisschen Alltag in Paris. Aber als es dann heute Abend losging im Stade de France während des Fußballspiels hat man das schon sehr ernst genommen. Und jetzt ist die Situation in der Stadt mehr oder weniger unübersichtlich. Man spricht teilweise davon, dass drei Selbstmordbomber unterwegs gewesen sein sollen, die eventuell auch zu Tode gekommen sein sollen. Aber wie gesagt, das sind alles noch unbestätigte Meldungen. Uns erreicht eben die Meldung, dass es auch am Platz der Republik zu einer Schießerei gekommen sein soll. Aber diese Meldungen – muss ich wirklich sagen – sind noch nicht von der Polizei bestätigt. Paris ist momentan im Ausnahmezustand. Überall Blaulicht. Unsere Kollegen, die alle natürlich auch versuchten hier ins Studio zu kommen, haben große Schwierigkeiten überhaupt ein Taxi zu bekommen. Die Stadt ist – ja, paralysiert.

Daubner: Gibt es denn schon Gerüchte, also Informationen über die Urheber dieser furchtbaren Ereignisse heute?

Fröder:Gerüchte gibt es natürlich. In Paris ist man schon die ganze Zeit davon ausgegangen, dass es weitere Terroranschläge geben könnte. Man muss sich immer wieder vor Augen halten: Paris ist … Frankreich ist sehr aktiv im Kampf gegen den so genannten Islamischen Staat. Genau diese Woche, also im Laufe dieser Woche am 19. November soll der Flugzeugträger Charles de Gaulle starten von dem aus dann auch weitere Flüge gegen den IS geflogen werden sollen. Frankreich ist sowieso schon sehr aktiv, im Kampf aktiv gegen den so genannten Islamischen Staat. Deshalb gab’s auch immer wieder Terrorwarnungen. Vor zwei Tagen hatten wir die Meldung, dass wieder ein Attentat vereitelt worden ist, dass die französische Polizei einen jungen Mann festgenommen hat, der Attentate gegen eine Militärbasis in Toulon im Süden von Frankreich geplant haben soll. Das Ganze ist – Frankreich ist sowieso seit den Anschlägen von Charlie Hebdo mehr oder weniger dauernd mit diesen Drohungen konfrontiert. Insofern – man hat damit gerechnet. Einer der bekanntesten Staatsanwälte hier in Paris, der inzwischen pensioniert ist, hat vor kurzem im Paris Match ein Interview gegeben, in dem er gesagt hat, Frankreich war noch nie so gefährdet wie bisher. Und wenn ich sehe, was wir in den letzten Stunden nun quasi erfahren haben, was wieder in dieser Stadt Paris momentan zugange ist, kann man fast befürchten, dass es terroristische Anschläge sind. Aber ich will noch mal ganz klar sagen, wir haben noch keine offizielle Bestätigung davon. Was ich hier sage, sind Vermutungen.

Daubner: Man kann ja nur hoffen, dass es nicht die ganze Nacht noch so weitergeht. Wir haben gerade gehört, das Handy-Netz ist zusammengebrochen. Viele können sich gar nicht mehr informieren. Es bricht wahrscheinlich auch Panik aus, keine öffentlichen Verkehrsmittel. Welche Infos gibt’s denn jetzt vom französischen Fernsehen, von der Polizei, wie sich die Bürger verhalten sollen, auch in dem Fußballstadion?

Fröder: Da haben wir noch keine Information, was die Polizei jetzt selbst machen soll. Aber wir haben natürlich schon Informationen von Angehörigen hier im Studio, deren Kinder sich in diesem Viertel aufgehalten haben sollen, die man nicht erreichen kann. Also ich glaube, ich kann es nur so beschreiben, dass momentan in der Stadt eine große Frucht herrscht, eine große Angst herrscht, dass es wieder zu weiteren und schlimmen Attentaten kommen kann. Wir haben momentan… wir hören von einer Geiselnahme, wir hören von Schießereien am Place de la République. Alles ist noch immer sehr unübersichtlich. Von der Polizei gibt’s noch keine Meldungen, wie man sich verhalten soll.  Ich glaube davon auszugehen, dass die Menschen erst einmal zu Hause bleiben oder versuchen sich  an irgendwelche Orte zurückzuziehen, zumindest die Orte zu vermeiden, wo momentan diese Anschläge stattgefunden haben.

Hinweis: Offenkundige Versprecher wurden nicht in die Mitschrift übernommen. 

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