Medien

Was erlauben Strunz?

Wie sich eine Pressemitteilung des Marktforschungsunternehmens „The Nielsen Company“ per Copy and Paste bei „abendblatt.de“ in einen redaktionellen Beitrag verwandelte.

5. August 2009. Die Nielsen Company hatte am Dienstagmorgen der deutschen Öffentlichkeit Neuigkeiten in Sachen „Twitter“ zu vermelden: „Das Phänomen Twitter: Nielsen ermittelt Verdopplung der Nutzerzahlen in Deutschland seit April“, steht als Überschrift über einer Pressemitteilung, die das Marktforschungsunternehmen über die PR-Plattform der dpa, „presseportal.de“, verbreiten ließ. Während sich Redakteure bei „Focus.de“, „Kress-Online“, „Computerwoche“ und anderen News- und Medienportalen noch darum beü?hten, aus der wirren Presseinformation der Marktforscher einen eigenen redaktionellen Beitrag zu basteln, stand die Geschichte um 11.10 Uhr bei „abendblatt.de“ bereits im Netz.

Journalistische Geschwindigkeit ist keine Hexerei, nicht einmal im Internet. Ein Redakteur des Online-Ablegers des „Hamburger Abendblatts“ hatte die Nielsen-Pressemitteilung unter Hinzufügung seines kürzels „mw“ und der fast schon genial anmutenden Zeile „Die kleinen Kurznachrichten werden immer beliebter“ in einen redaktionellen Beitrag verwandelt. Jetzt mussten nur noch einige Wörter und Sätze aus der Pressemitteilung gestrichen – bzw. umgestellt werden und schon stand der „Zwitscher-Boom bei Twitter“ im Netz (siehe auch „Nachbildung der Verwandlung“ durch Anklicken der Grafik).

„Was erlauben Strunz?“ mag man da in Anspielung auf den Titel der Talkshow von Abendblatt-Chefredakteur Claus Strunz beim Nachrichtenkanal „N24“ fragen. Die Antwort ist in diesem Fall recht einfach: „Copy and Paste“ statt „fundierter Berichterstattung über nationale und internationale Ereignisse“, wie es auf der Website der Axel Springer AG für das „Hamburger Abendblatt“ und sein Onlineportal verheißen wird.

Aber Vorsicht. Dass die Nielsen-Leute in Sachen „Twitter“ tatsächlich immer fundierte Erkenntnisse liefern, scheint eher zweifelhaft. Erst im Februar dieses Jahres hatten sich die Marktforscher mit der Studie „Deutsche Politiker wandeln auf den (Online-)Spuren von Barack Obama“ ziemlich blamiert. Als besonders erfolgreichen „Twitterer“ hatte Nielsen seinerzeit Franz Müntefering genannt und war damit einem „Fake-Account“ aufgesessen, wie bald darauf in zahlreichen Tweets gelästert wurde.

Angesichts mehrerer Ungereimtheiten in der Studie, fragte Markus Beckedahl bei „Netzpolitik.org generell „nach dem Sinn der Untersuchung“. Den hatten die Abendblatt-Redakteure offenbar erkannt und am 11. Februar 2009 den Beitrag „Gezwitscher im Bundestag“ auf ihrem Onlineportal veröffentlicht, einschließlich „falschem“ Müntefering. Und der steht noch immer im Netz.