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„Viel schlimmer als Abu Ghraib“

Weitere Bilder von schrecklichen Verbrechen us-amerikanischer Soldaten werden ans Tageslicht kommen. Wenn nicht jetzt – dann später und mglicherweise aus dubiosen Quellen.

  • Hinweis: „Keine Fotos für die Öffentlichkeit“ Interview mit Horst Müller am 14. Mai 2009 bei Deutsche Welle in der Sendung „Welt im Fokus“ – Interview als mp3 und Begleittext

14. Mai 2009. „Neue Fotos aus Abu Ghraib“, meldete Sueddeutsche.de am frühen Donnerstagmorgen und irrte damit genauso wie die Online-Ausgabe der Tageszeitung, die behauptete, „der US-Präsident will weitere Folterfotos aus Abu Ghraib nun doch nicht ver?ffentlichen lassen.“

Nein, beim jetzt ausgebrochenen Streit zwischen Barack Obama und der Bürgerrechtsbewegung American Civil Liberties Union (ACLU) geht es nicht allein um weitere – mutmaßlich abscheuliche – Aufnahmen aus dem berüchtigten Gefängnis in der Nähe der irakischen Hauptstadt. Die Fotos, deren Herausgabe Obama jetzt verhindern will, dokumentieren weitere Verbrechen amerikanischer Besatzungstruppen im Irak und in Afghanistan. Davon ist zumindest der Geschäftsführer der Bürgerrechtsbewegung Anthony D. Romero überzeugt. In einem Interview mit dem amerikanischen Network ABC sprach er sogar von insgesamt 2.000 Aufnahmen, die „viel schlimmer als Abu Ghraib“ seien.

In einer am 13. Mai von ACLU verbreiteten Pressemitteilung zeigte sich Romero empört, aber auch besorgt darüber, dass Obama trotz einer früheren Zusage nunmehr die Herausgabe weiterer mutmaßlicher Folterbilder verhindern will. Romero geht davon aus, dass die Bilder eines Tages ohnehin ans Tageslicht kämen: „In Amerika werden alle Fakten und Dokumente ?ffentlich – entweder jetzt oder erst in einigen Jahren.“ Dann, so der ACLU-Chef, hätte sich die Regierung Obama längst als „Komplizin der Bush-Administration“ schuldig gemacht. Schuldig wohl auch deswegen, weil Obama seinen Ankündigungen, auch mit juristischen Mitteln gegen Mitglieder der Bush-Regierung wegen der schlimmen Verbrechen in Abu Ghraib, Guantanamo und anderswo vorzugehen, bislang keine Taten folgen ließ.

Angeklagt und verurteilt wurden bislang ausschließlich niedere Chargen, darunter Charles Graner und Lynndie England, die auf vielen der bislang veröffentlichten so genannten „Folterbilder“ aus Abu Ghraib zu sehen sind. Beide sagten aus, dass sie auf höheren Befehl gehandelt hätten. Der einzig angeklagte Offizier, Oberstleutnant Steven Jordan, erhielt allerdings lediglich einen verwaltungsrechtlichen Verweis. Höhere Dienstgrade und Mitglieder der Bush-Administration blieben bis heute verschont.

Und es gibt eine Reihe von schriftlichen Berichten und Zeugenaussagen über weitere Verbrechen amerikanischer Besatzer im Irak und in Afghanistan, die ich teilweise in dem 2004 gemeinsam mit Medienstudenten der Hochschule Mittweida herausgegebenen Sachbuch „Folter frei – Abu Ghraib in den Medien“ dokumentiert habe. Nur Bilder oder gar Videoaufnahmen, wie sie in Abu Ghraib von den Folterknechten selbst angefertigt wurden, kamen von weiteren Menschenrechtsverletzungen bislang nicht an die Öffentlichkeit.

Weil viele Journalisten, Verantwortliche in den Redaktionen und letztlich ein großer Teil der Medienkonsumenten, Berichten von Organisationen wie Amnesty International offenbar weniger vertrauen, als Bildern und Videos aus zwielichtigen Quellen, ist es zwingend erforderlich, dass Obama das vorhandene – und hoffentlich ausreichend geprüfte – Material veröffentlichen lässt. Bevor es andere tun, wie Anthony D. Romero von der Bürgerrechtsbewegung American Civil Liberties Union wohl zu recht befürchtet.

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