Best of Medien

Untergetaucht in Watertown

20. April 2013 | Wo waren ARD- und ZDF-Korrespondenten als in der Nacht zum Samstag der zweite Bostoner Terrorverdächtige festgenommen wurde?

Die erste Meldung über die Festnahme des zweiten Terrorverdächtigen wurde am Freitagabend um 20.58 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit vom Boston Police Department über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet. Schon wenige Minuten später berichteten Reporter der US-Nachrichtenkanäle CNN und Fox News live aus dem Bostoner Vorort Watertown, wo der 19jährige Dschochar Zarnajew nach einem Schusswechsel mit der Polizei im Garten eines Hauses festgenommen worden war. Gemeinsam mit seinem sieben Jahre älteren Bruder Tamerlan, der am Donnerstagabend (Ortszeit) bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei getötet wurde, soll der aus Tschetschenien stammende Student für die verheerenden Bombenanschläge beim Boston Marathon am Montag verantwortlich sein.

Korrespondent im „Brennpunkt“

Tagelang war zunächst die Suche nach möglichen Attentätern und schließlich die Verfolgung der beiden dringend tatverdächtigen Brüder weltweit das Top-Nachrichtenthema, selbstredend auch in den aktuellen Sendungen von ARD und ZDF. Noch am Freitagabend hatte „Das Erste“ direkt nach der 20-Uhr-Tagesschau einen „Brennpunkt“ mit dem Titel „Boston im Ausnahmezustand“ ins Programm genommen.

Von der vermeintlichen Front am Rande des abgeriegelten Bostoner Vorortes Watertown meldete sich live Thomas Roth. Der Leiter des New Yorker ARD-Studios beantwortete die Fragen von Brennpunkt-Moderator Jörg Schönenborn mit dem schon gewohnten hilflosen Mix aus externen Agenturmeldungen und eigener Ahnungslosigkeit. Zumindest konnten wir Rundfunkbeitragszahler sicher sein, dass sich „unser Mann“ tatsächlich am Ort des vermeintlichen Geschehens aufhielt. Zum Beweis hatte sich Roth vor einem Schild mit der Aufschrift „Watertown Mall“ platziert. Dort stand er auch noch 90 Minuten später für die „Schalte“ zu den Tagesthemen, ohne dass er neue Erkenntnisse zu vermelden gehabt hätte.

Was Korrespondent Roth anschließend gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Sicher ist nur, dass sich bis Samstagmittag weder Roth noch ein Kollege bzw. eine Kollegin aus Boston in den Nachrichtensendungen der ARD gemeldet hat. Das vorläufige Ende des „Dramas von Boston“,  wurde in den Tagesschau-Sendungen um 10.00 und 12.00 Uhr in einem aus Agenturmaterial zusammengestückelten 1:13 Minuten kurzen Beitrag abgehakt. Beobachtungen und Einschätzungen der Ereignisse vor Ort durch eigene Korrespondenten – Fehlanzeige.

Frau Diekmann am Telefon

Da war es doch fast schon ein Glücksfall für die Mainzelmänner, dass ZDF-Nachwuchskorrespondentin Nicole Diekmann in der Nacht zumindest die amerikanischen Nachrichtenkanäle verfolgt hatte. So konnte sie in der ersten heute-Ausgabe am Samstag um 11.00 Uhr zumindest das wiedergeben, was CNN, Fox News und andere schon viele Stunden zuvor berichtet hatten. Ob sich Frau Diekmann tatsächlich – wie von Nachrichtenmoderatorin Anja Charlet angekündigt – aus Watertown meldete, war mangels bewegter Bilder nicht erkennbar. Während sich Reporter von CNN, BBC oder Sky News bei solchen aktuellen Ereignissen längst via Smartphone in akzeptabler Bildqualität auf dem Sender melden, brachten die Mainzer acht Stunden nach der Festnahme des zweiten Terrorverdächtigen gerademal eine Telefonverbindung nach Boston zustande.

Zumindest Diekmanns Kollege Christoph Röckerath scheint die Nacht zum Samstag irgendwo in oder um Watertown verbracht zu haben. In seinen Twitter-Account berichtete er eifrig über die Festnahme von Dschochar Zarnajew. Nur in den heute-Sendungen ist der ZDF-Korrespondent bis Samstagnachmittag nicht wieder aufgetaucht.