Unser Mann in der Schlange

Richard Gutjahr hat für einige Tage den Platz vor der Kamera im Nachrichtenstudio des Bayerischen Rundfunks mit der zurzeit berühmtesten “Line” der Welt getauscht. Vor dem Apple Flag Store in New York wartet der TV-Moderator auf den Verkaufsstart des “iPad” am Samstag und lässt die Deutschen unter anderem per Livestream daran teilhaben.

Bevor Richard Gutjahr in Richtung New York startete, hatte er noch freundlich bei Radio-Kollegen angefragt, ob sie Interesse an Berichten aus der Schlange vor dem Apple Flag Store hätten. Die Radioleute winkten dankend ab. Gutjahr flog trotzdem und kann sich inzwischen vor Medienanfragen nicht mehr retten. Ob “Sueddeutsche.de”, die Münchner “Abendzeitung”, mehrere Regionalzeitungen und Radiosender – alle wollen am Samstag möglichst exklusive Beiträge von dem Mann in der Schlange veröffentlichen. Sogar der “Stern” hat inzwischen bei Richard Gutjahr zwecks Berichterstattung angefragt.

Schließlich geht es um den wahrscheinlich medienwirksamsten Verkaufsstart in der Geschichte der Konsumgüterindustrie. Selten zuvor wurde über die Einführung eines neuen Produkts so umfassend – und nahezu auch einhellig begeistert – berichtet, wie über das? “iPad” von Apple. Längst haben die großen US-TV-Networks ihre Übertragungswagen vor dem berühmtesten Laden des Apfel-Imperiums an der 5th Avenue in Manhattan postiert. Spätestens seit Freitag gehört das “Tablet” zu den Top-Themen amerikanischer Zeitungen.

Einige Journalisten, wie David Pogue von der “New York Times”, bekamen das “iPad” schon vor dem offiziellen Verkaufsbeginn und veröffentlichten inzwischen Rezensionen. Pogue, der wegen seiner bislang überwiegend positiven Kritiken für die Apfel-Produkte als eine Art “Apple-Guru” gilt, äußerte sich diesmal allerdings zurückhaltend: Es sei eigentlich ein großes “iPhone”, das vor allem beim Einsatz der neuen Applikationen seine Stärken habe. Als Schreibgerät, als Ersatz für ein Note- oder Netbook, sei das “iPad” dagegen wenig geeignet, beschied er in seiner Kolumne. Gleichzeitig veröffentlichte David Pogue auf der Website der “New York Times” ein Video, das “Apple” problemlos als eigenen Werbespot einsetzen könnte. Die Art, wie der Journalist darin das “iPad” vorstellt, erinnert zumindest stark an die Werbefilme der Apfel-Firma.

“Es war Liebe auf den ersten Klick”

Zurück zu Richard Gutjahr. Der macht überhaupt erst keinen Hehl daraus, dass er seit seiner Kindheit ein großer Apple-Anhänger ist: “Als ich elf Jahre alt war, hat sich mein Vater einen Macintosh gekauft. Einen Computer, den man komplett mit einer Maus steuerte; es war Liebe auf den ersten Klick.” Die Faszination für neue Apple-Produkte war auch einer der Gründe dafür, warum sich der Moderator des “Nachtmagazins” im Bayerischen Fernsehen einige Tage frei nahm, um sich ab Freitag 24 Stunden lang bis zum Verkaufsstart in die Warteschlange vor dem New Yorker Apple Flag Store einzureihen.

Richard Gutjahr ist nach eigenen Angaben aber auch deswegen nach New York geflogen, weil er schon lange vorhatte, im eigenen “Gutjahr’s Blog” und unter Zuhilfenahme von Plattformen wie “YouTube”, “Flickr”, “Facebook” oder “Twitter” multimedial über ein Ereignis zu berichten: “Ein Thema wie das ‘iPad’ bietet sich für so etwas geradezu an. Es gibt eine Unmenge von Tech- und Medienbloggern, die sich in diesen Tagen Gedanken über diese neue Entwicklung machen. Wenn ich mit meinen Interviews, Videos oder Fotos aus New York zur Diskussion beitragen könnte, würde mich das freuen.”

Das Hauptziel seiner Mission bezeichnet Gutjahr allerdings als “weniger altruistisch”: “Ich betreibe hier Training. Ich glaube fest daran, dass Geräte wie das ‘iPad’ nicht nur die Technik oder irgendwelche Vertriebsmodelle verändern, sondern auch den Journalismus.” Gutjahr will deswegen mit seinem Einsatz in der Warteschlange ausprobieren, “wie Soziale Netzwerke dabei helfen können, um das zu tun, was wir Journalisten immer getan haben: recherchieren, filtern, und Geschichten erzählen.”

Zum Beispiel die Geschichte vom Verkaufsstart des “iPad” am Samstag, 15.00 Uhr, deutscher Zeit. Dann will Richard Gutjahr per Livestream dabei sein, wenn sich die Türen des Apple Flag Store öffnen. Als Höhepunkt seiner Berichterstattung plant er, erste Bilder vom eigenen Tablet-Computer live zu versenden. Schließlich ist der erklärte Apple-Fan auch nach New York geflogen, um das eigene “iPad” persönlich in Empfang zu nehmen.

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