Medien

Umfragen, Studien und viel Misstrauen

24. Juli 2017 | Für das Medium Magazin hat sich Inge Seibel diesmal Umfragen und Studien analysiert, die sich mit Fragen der Glaubwürdigkeit von Journalismus in den Medien beschäftigen. Das Thema ist hochaktuell wie der Streit um die Haller-Studie „Die ‚Flüchtlingskrise‘ in den Medien“ zeigt.

Wie ist das nun mit dem Vertrauen in die Medien in Deutschland? Eine Vielzahl von Studien belegen mal mehr, mal weniger Glaubwürdigkeit. Aber was stimmt denn nun? Mal lauten die Schlagzeilen, die Medien befänden sich in einer Glaubwürdigkeitskrise; dann wieder, das Vertrauen sei so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die Ergebnisse der Untersuchungen widersprechen sich zum Teil und lassen sich nicht wirklich vergleichen – wie die nachfolgende Auswahl von Kernaussagen mehrerer Studien zeigt:


StudieKernergebnis
NDR/ZAPP | Dezember 2014Mit Ukraine-Krisenberichterstattung: Medienvertrauen alarmierend gesunken
ARD/ZDF Langzeitstudie
Massenkommunikation | September 2015
Mediennutzung bleibt auf hohem Niveau stabil. Aber in Imagewerten herbe Verluste
WDR-Studie | November 2016Vertrauen gestiegen, jedoch glauben 42% an politische Vorgaben für die Medien
Global Trustreport 2017 | März 2017In D vertrauen nur noch 45 Prozent den Medien "voll" oder "ganz/überwiegend", Tendenz abnehmend
UNI Würzburg/ Kim Otto und Andreas Köhler | Frühjahr 2017Vertrauen der Deutschen in die Medien ist so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr

Klar, es gibt eine Reihe von Faktoren, die für die Ergebnisse von Studien nicht unerheblich sind; dazu zählen insbesondere Zeitraum der Durchführung, die Auswahl der Teilnehmer sowie Methodik der Befragung und Auswertung. Und nicht zuletzt sind da auch noch die Auftraggeber mit ihren Erwartungen an die Ergebnisse der von ihnen finanzierten Untersuchungen.

Für die öffentliche Wahrnehmung der Erkenntnisse sind nicht zuletzt die Medien in einem erheblichen Maße selbst verantwortlich – wie das Beispiel der von Medienwissenschaftlicher Michael Hallerfür die gewerkschaftsnahe Otto Brenner Stiftung durchgeführte Studie „Die ‚Flüchtlingskrise‘ in den Medien“ zeigt.

Für die „bislang umfassendste und methodisch aufwendigste Untersuchung zum Thema‘ wurden nach Angaben der Herausgeber „weit über 30.000 Zeitungsberichte erfasst, Längsschnittanalysen zurück bis ins Jahr 2005 unternommen, die Berichte der Newssites wie auch der Leitmedien minutiös auseinandergenommen und akribisch analysiert‘. Vorgehensweise, Ergebnisse und Erkenntnisse sind in dieser 175 Seiten umfassenden Dokumentation (als PDF) nachzulesen. In einer am 21. Juli veröffentlichten Pressemitteilung der Otto Brenner Stiftung wurden die Ergebnisse der Studie wie folgt zusammengefasst:

+++ Die Informationsmedien sind in der Berichterstattung 2015/16 über Flüchtlinge ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden +++ Sie waren mehr „politischer‘ Akteur als neutraler Beobachter +++ tief greifende Sinn- und Strukturkrise des sogenannten Mainstreamjournalismus dokumentiert +++ Lebenswelt des Publikums spiegelt sich nicht ausreichend in der Medienwelt wider

Deutsche Medien hatten bereits seit Mitte der vergangenen Woche über die Ergebnisse der Studie berichtet, zumeist allerdings wenig differenziert. Letztlich dürfte eine Kernaussage beim Großteil der Rezipienten angekommen sein, die die Wochenzeitung „Die Zeit“ bereits in einer Vorabmeldung am 19. Juli vorgegeben hatte und von anderen – zumindest sinngemäß – übernommen wurde: ‚Medien haben in der Flüchtlingskrise versagt‘. So informierte auch der Mediendienst turi2am vergangenen Mittwochabend seine Nutzer und bekam dafür postwendend Schelte per Feedback von Michael Haller:

… Interessant, dass seriöse Medien mit dieser Meldung über unsere Studienergebnisse das tun, was wir als Problem ermittelt haben: dass Vorgänge einseitig und überzogen dargestellt werden. Tatsächlich hat unsere Studie „Dysfunktionen des tagesaktuellen Informationsjournalismus“ im Umgang mit dem Flüchtlingsthema untersucht (Befund: Er hat die ihm zugeschriebene Informationsfunktion nicht erfüllt). Daraus machen jetzt Journalisten dies: „Die Medien haben völlig versagt“. Das bedeutet etwas ganz anderes. Vermutlich werden wir diese Zeile auf Websiten der Journalistenhasser zu lesen bekommen – und die Schraube der postfaktischen Vorurteilsbestätigungen dreht sich weiter. Michael Haller

Stefan Niggemeier kritisierte bei Übermedien die Berichterstattung der eigenen Zunft  über die Haller-Untersuchung zurecht als „mediale Sturzgeburt einer Studie“ .