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Überstunden – (nicht nur) wegen Trump

19. November 2016 | Dieser Beitrag wurde zuerst bei Medien!Student veröffentlichtNach dem Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl müssen nicht nur Politiker, Demoskopen oder Journalisten ihr bisheriges Denken und Handeln kritisch hinterfragen. Auch Medien-Professoren sollten sich spätestens jetzt viel intensiver mit Informationsquellen beschäftigen, die bislang nicht oder nur unzureichend im Fokus ihrer Lehrveranstaltungen standen. 

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Erfolgreichster Fake im US-Wahlkampf: Papst Franziskus soll Donald Trump seine Unterstützung zugesichert haben. | Bild: Montage bei Snopes.Com

“Papst Franziskus schockt die Welt mit seiner Wahlempfehlung für Donald Trump”. Dieser Post wurde am 10. Juli über Facebook verbreitet und 980.000 mal kommentiert bzw. geteilt. Kein anderer Beitrag zum US-Wahlkampf erhielt mehr Nutzerreaktionen in Mark Zuckerbergs sozialem Netzwerk. Tatsächlich handelte es sich bei dieser Information jedoch um eine freie Erfindung von WTOE 5 News, einer “Fantasie-Website”, die zumeist Satire oder erfundene Nachrichten verbreitet – wie unter anderem bei Snopes.com nachzulesen ist.

Als dagegen die Washington Post bei Facebook die wohl berechtigte Frage stellte, warum denn Hillary Clinton und nicht etwa Donald Trump angesichts dessen “History of Corruption” als “The Corrupt One” gelte, gab’s daraufhin rund 140.00 weniger Reaktionen. Dennoch war dieser Post der mit einigem Abstand erfolgreichste Beitrag etablierter Medien während des US-Wahlkampfes bei Facebook.

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Auszug aus dem BuzzFeed-Beitrag: Viral Fake Election News Outperformed Real News On Facebook In Final Months Of The US Election, veröffentlicht am 16. November 2016

BuzzFeed hat vor einigen Tagen eine eigene Analyse der meistgenutzten Posts veröffentlicht, die in dem Sozialen Netzwerk vor der Präsidentschaftswahl verbreitet wurden – mit einem ernüchternden Ergebnis: So genannte “Fake News” riefen deutlich mehr Reaktionen hervor, als Beiträge der populärsten US-Mainstream Medien – von New York Times über CNN bis Huffington Post und 16 weiteren.

Bei den “Fake News” handelte es sich im US-Wahlkampf keinesfalls nur um gezielte Attacken von Trump- oder Clinton-Anhängern bzw. deren Gegner. Neben reinen Satire-Portalen und Fantasie-Websites – wie im Falle WTOE 5 News, nutzten auch clevere Geschäftemacher den erbittert geführten US-Wahlkampf für ihre Zwecke. Mit Fake-Portalen, auf denen vermeintlich sensationelle Nachrichten verbreitet wurden, erzielten virtuelle Gauner durchaus respektable Werbegelder via Facebook oder Google.

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So genannte Fake News, die vor der US-Präsidentschaftswahl über Facebook verbreitet wurden | Bilder: Screenshots Facebook

Der Recherche-Reporter Con­stan­tin Seibt berich­tet im Schwei­zer Tages­an­zei­ger über maze­do­ni­sche Teen­ager,, die in der Kleinstadt Veles 100 US-Politik-Nachrichtenseiten betrieben haben sollen. Seibt recherchierte, dass die im Balkanstaat Mazedonien erfundene absurde Nachricht “Clinton empfiehlt Trump als Präsident: ‘Er ist ehrlich und lässt sich nicht kaufen!’” bei Facebook 480.000 mal geteilt und kommentiert wurde. Damit seien allein Werbeerlöse von 3.000 US-Dollar erzielt worden. Die ebenfalls über Facebook verbreitete Enthüllung der New York Times, wonach Donald Trump im Jahr 1995 fast 1 Milliarde Dollar Verlust erklären musste, erhielt dagegen gerade mal 175.000 Reaktionen in dem Sozialen Netzwerk.

Keine Frage, spätestens der US-Wahlkampf hat gezeigt, dass sich die Informationsströme verschoben haben. Zeitungsredakteure, Fernsehjournalisten und auch Mitarbeiter etablierter  Newsportale haben längst ihr “Informationsmonopol” verloren. Durch die Möglichkeiten, die Social Media Plattformen wie Facebook, Twitter, YouTube, Instagram, Snapchat und weitere bieten, kann nahezu jeder zum “News-Lieferanten” werden, längst nicht nur findige Teenager in Mazedonien.

Obama-Dienstwagen
Tweet der Berliner Polizei am 17. November 2016 | Bild: Screenshot Twitter

Wenn sich die Berliner Polizei schon so für ihre Twitter-Nutzer ins Zeug legt, sollte ich als Medienprofessor für “meine Studenten” das wohl auch tun. Ich habe mich deswegen zu Überstunden im Hörsaal am Montag (21. November) entschlossen: Statt der geplanten 90 Minuten für die Vorlesung “Informationsquellen – nicht nur für Journalisten”, stehen jetzt 270 Minuten zur Verfügung: 11.30-13.00 Uhr und 14.00-17.30 Uhr an der Hochschule Mittweida im Haus 2, Raum 2-102.

Damit haben wir sicher genug Zeit, um auch auf die aktuellen Entwicklungen bei den Informationsströmen fundiert einzugehen. Das ist für unseren Berufsstand verdammt wichtig. Die “Überstunden” sind deswegen angemessen – nicht nur für den Prof, sondern auch für die betroffenen Studis.

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