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Trauer um Hermann Stümpert

4. Oktober 2005 | Einer der Pioniere des deutschen Nachkriegsradios ist tot. In der Nacht zum 2. Oktober verstarb unerwartet Hermann Stümpert im Alter von nur 56 Jahren. Er hinterlässt seine Frau und zwei Söhne. Stümpert machte sich vor allem mit dem erfolgreichen Aufbau von Radio Schleswig-Holstein (R.SH), dem ersten landesweiten Privatsender in Deutschland, ab 1986 bundesweit einen Namen. Mein persönlicher Nachruf auf Hermann Stümpert:

Über Tote solle man zwar nicht schlecht – aber zumindest ehrlich berichten, forderte Hermann Stümpert nachhaltig von mir. Das war vor ziemlich genau 13 Jahren. Ich hatte am Abend des 8. Oktober 1992 einen längeren Beitrag für INFORADIO Berlin verfasst. Es war ein Nachruf auf den gerade verstorbenen Willy Brandt. Stümpert kritisierte, dass ich den Ex-Kanzler und Friedensnobelpreisträger „in den Heiligenstand befördert“ habe. Und er ergänzte noch sinngemäß, dass er niemals „so schwulstiges Zeug“ über sich lesen wolle. Also soll dieser Nachruf auch ehrlich beginnen:

Hermann Stümpert war nie besonders fleißig und auch nicht immer ausdauernd genug. Seine Stärke war die Kreativität und seine Überzeugungskraft. Wenn er kam, war der Raum voll, sagte man schon bald nach dem Sendestart von R.SH – zum Beispiel bei den jährlichen Empfängen im Kieler Funkhaus Wittland. Gemeint war damit nicht seine beträchtliche Körperfülle, die ihn selbst offenbar nicht zu stören schien. Vielmehr war Hermann Stümpert über Jahre Mittelpunkt bei Empfängen, Kongressen und Tagungen. Alle drängten sich um ihn, waren froh, wenn sie mit dem „Dicken“ ins Gespräch kamen.

Stümpert gab auch bei Sitzungen mit Gesellschaftern und anderen Gremien meistens die Themen vor und den Ton an. Ich erinnere mich daran, wie er kurz nach dem „Mauerfall“ die R.SH-Gesellschafter davon überzeugte, ein Studio in Schwerin aufzumachen und mir den Aufbau übertrug. Auf meine Frage, wie ich denn einen geeigneten Raum „im Osten“ finden – und die Übermittlung von aktuelle Beiträgen sicherstellen solle, zuckte er mit den Schultern, grinste hinter seinem gewaltigen grauen Bart hervor und beschied mir, dass das meine Aufgabe sei – er habe schließlich den Weg bei den Gesellschaftern freigemacht.

So habe ich ihn in Erinnerung: Hermann Stümpert hatte die Ideen, räumte große Hindernisse beiseite, ebnete Wege – und überließ die Detailarbeit schließlich anderen, denen er aber stets den Rücken freihielt, wenn beispielsweise Kritik von außen aufkam. So auch nach dem Sendestart von Radio Schleswig-Holstein 1986.

Es war anfangs wirklich gräuslich, wie Moderatoren und Nachrichtenleute sich um die Wette verhaspelten. Ab und an platzte Stümpert der Kragen und er setzte sich selbst ins Studio. Dann wurde es noch schlimmer, weil er ständig Knöpfe und Regler im damals noch neuen „Selbstfahrerstudio“ verwechselte. Wahrscheinlich auch aufgrund dieser Erfahrungen hat Hermann Stümpert Kritik an den Radioneulingen nicht besonders wichtig genommen und stattdessen lieber nach Talenten Ausschau gehalten. Jörg Pilawa, Christian Schröder, Joachim Steinhöfel oder Caren Miosga hat er damals auf den Sender gelassen – Bewerbungen von erfahrenen NDR-Moderatoren dagegen zumeist ignoriert. Innerhalb von wenigen Monaten hatten die neuen Funker aus Kiel den damaligen Quasi-Monopolisten NDR an die Wand gesendet. Zwischen Flensburg und Lüneburg war fast nur noch der neue Sender zu hören. Aufbau und Etablierung von R.SH war Hermann Stümperts herausragende Leistung – zumindest beruflich.

Mit späteren Projekten wie dem ersten deutschen Nachrichtensender INFORADIO Berlin, dem brandenburgischen Regionalsender BB-Radio oder dem Spezialformat ROCKRADIO konnte er nie wieder an den Erfolg in Kiel anknüpfen, was er manchmal im engeren Gesprächskreis zu vorgerückter Stunde sichtlich bedauerte. In den vergangenen Jahren hatte sich der Pionier des deutschen Privatradios immer mehr aus dem Geschäft zurückgezogen. Immer seltener beriet er Programmmacher. Hermann Stümpert gefiel das, was aus den Radios kam, immer weniger, wie er mir im Herbst 2002 in einer lang durchdiskutierten Nacht in München sagte. Ein halbes Jahr vor seinem Tod fasste er Kritik und Vorschläge für die Zukunft seines Lieblingsmediums in dem Buch „Ist das Radio noch zu retten“ zusammen. Ich hatte das Gefühl, dieses Buch sei der Auftakt zu einer neuen Ära Stümpert, weil ich mir Radio in Deutschland ohne Hermann Stümpert nicht vorstellen konnte. Vermutlich hatte er doch noch einiges vor.