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Studis im Stress

14. Oktober 2016 | Studierende haben in Deutschland mehr Stress als „ganz normale“ Berufstätige. Das geht zumindest aus einer Studie hervor, die in dieser Woche von der AOK veröffentlicht wurde. Verantwortlich für die Situation sind auch Lehrkräfte, die ihren „Job“ einfach nicht machen, weil sie niemand kontrolliert. Eine Art „TÜV“ für Professoren könnte möglicherweise Abhilfe schaffen. | Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst bei Medien!Student

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Größte Stressfaktoren für Studierende sind – wenig überraschend – Prüfungen | Titelbild ganz oben: Medienforum Mittweida 2015, bearbeitetes Motiv

Bislang habe ich (nicht wirklich) geglaubt, dass ich als Professor den Stress habe, während meine Studis den von mir selbst als hochwertig eingeschätzten „Lernstoff“ entspannt konsumieren können. Nein, so ist das nun wohl doch nicht. Nach einer in dieser Woche von der AOK veröffentlichten Studie haben 53 Prozent der Studierenden in Deutschland  ein hohes Stresslevel und liegen damit im negativen Sinne noch vor den „in der Arbeitswelt Beschäftigten“, für die in einer vergleichbaren Untersuchung ein Stresslevel von lediglich 50 Prozent ermittelt wurde.

Studierendenstress in Deutschland – eine empirische Untersuchung | erstellt im Auftrag der AOK von den Universitäten Potsdam und Hohenheim | veröffentlicht am 11. Oktober 2016 | Download als PDF

So kann der Stress für Studis reduziert werden

1. Das Prüfungssystem ändern: In den meisten Fächern bzw. Modulen werden Noten ausschließlich in schriftlichen Prüfungen am Ende des Semesters ermittelt. Egal wie sich ein Studierender über Monate hinweg zuvor in Lehrveranstaltungen eingebracht hat – am Ende zählt vielfach nur das im „Bulimie-Lernverfahren“ in sich „hineingefressene“ Kurzzeitwissen. Besser: Leistungen, die während des Semesters in Lehrveranstaltungen sowie in Haus- und Gruppenarbeiten erbracht werden, sollten für die schriftliche Prüfung zu 50 Prozent angerechnet werden. Vorteil für die Studis: Die kontinuierliche Mitarbeit während des Semesters wird zwangsläufig gefördert und Prüfungsstress gleichzeitig reduziert. Nachteil für Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter: Der Aufwand für Vor- und Nachbereitungen von Lehrveranstaltungen erhöht sich deutlich.

2. Bessere Informationen: Die Studentinnen und Studenten sollten rechtzeitig vor Beginn eines Semesters über die Inhalte der Fächer bzw. Module nachvollziehbar schriftlich informiert werden. Dazu gehören auch konkrete Hinweise zu Merkmalen und Kriterien für Prüfungen oder Anforderungen an so genannte Belege. Damit wird ausgeschlossen, dass Lehrkräfte nach Gutdünken Inhalte von Veranstaltungen oder sogar Prüfungskriterien ändern können (wie es in der Praxis leider geschieht).

3. „TÜV“ für Professoren: Schön, wenn man zum ordentlichen Professor berufen wurde und geradezu „vogelfrei“ bis zur wohlverdienten Pensionierung so vor sich her lehren kann, ohne dass irgend jemand mal nachprüft, ob dabei fundiertes Wissen vermittelt wird. Viele engagierte Kolleginnen und Kollegen nutzen diese wissenschaftliche Freiheit zum Wohle ihrer Studierenden – und andere ruhen sich einfach aus: Lehrveranstaltungen werden kaum vorbereitet, unstrukturiert durchgeführt oder einfach abgesagt. Wie oft höre ich auch Studierende darüber klagen, dass sie bis zu ein Jahr auf Bewertungen von Prüfungen warten. Oder – wenn Professoren die Betreuung und Bewertung von Abschlussarbeiten als „Fingerübung“ ansehen, kann wohl nicht von einer angemessenen Unterstützung der Bachelor- oder Masteranwärter ausgegangen werden. Das alles führt schließlich zu Verunsicherung und unnötigem Stress bei den Studierenden. Nach nunmehr bald 13 Jahren in diesem  wundervollen Beruf bin ich stärker denn je davon überzeugt, dass Lehrkräfte an Hochschulen in regelmäßigen Abständen überprüft werden müssen. Auch unter Mitwirkung der Studierenden.

Nun ja – ich werde solche „revolutionären“ Änderungen in meiner aktiven „Dienstzeit“ wohl nicht mehr miterleben. Die endet immerhin schon im Frühjahr 2018. Bis dahin versuche ich aber noch den Kopf oben zu halten.

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