So viel “Bild” muss nun wirklich nicht sein

Springer hat in dieser Woche für alle digitalen Angebote seines Boulevardblatts eine Bezahlschranke aufgebaut. Ich halte “BILDplus” für einen gewagten “Paradigmenwechsel”.

Die Hochwasserkatastrophe ist seit knapp zwei Wochen ein Top-Thema in der gedruckten „Bild“ und ihren digitalen Ablegern. Zum Nulltarif sind die Berichte aus den überfluteten Regionen seit Dienstag dieser Woche allerdings nur noch begrenzt zu haben. Springer hat die seit längerer Zeit angekündigte Bezahlschranke aufgebaut.

Wer beispielsweise wissen will, warum Michael Quitzsch, der „tagelang mit seiner Familie gegen das Chaos der Flut kämpfte“ und „trotz Krankschreibung seinen Job verlor“, muss ein Abonnement für „BILDplus“ abschließen. Das kostet zwischen 4,99 Euro pro Monat für den digitalen Zugang mit PC, Smartphone und Tablet und 14,99 Euro, wenn man „Bild“ dazu auch noch als digitale Zeitung sowie am Kiosk in gedruckter Form erhalten möchte. Wer ein solches Abo über den PC  bestellt, zahlt im ersten Monat für den „unverbindlichen Test“ lediglich 99 Cent. Erstaunlich – auf mobilen Endgeräten wird dieser Einstiegstarif nicht angeboten.

Alle Abonnements sind nach Angaben bei „BILD.de“ monatlich kündbar. Wer genauer nachliest stellt jedoch fest, dass dabei eine Kündigungsfrist von „7 Tagen vor Ende der laufenden Vertragsperiode“ einzuhalten ist. Dafür – so verspricht es die Axel Springer AG – „haben Sie mit Ihrem BILDplus-Abo unbeschränkten Zugriff auf alle BILD-Inhalte, immer und überall“. Nur – wer will das schon?

Argumente gegen das Bezahlmodell BILDplus

Grundsätzlich halte ich es für richtig, dass sich deutsche Medienunternehmen nachhaltig bemühen, endlich spürbare Erlöse aus ihren Online-Aktivitäten zu erzielen. Wenn kein Geld hereinkommt, so die logische Überlegung, wird es künftig weniger Journalismus – und vor allem weniger Qualität – im Internet geben. Allerdings bezweifele ich, dass ich die nunmehr von Springer eingeführte Bezahlvariante in meinen Lehrveranstaltungen an der Fakultät Medien der Hochschule Mittweida künftig als erfolgreiches „Geschäftsmodell der Onlinemedien“ vorstellen kann. Aus meiner Sicht gibt es einige Argumente, die gegen „BILDplus“ stehen:

  • Die vorgestellte Handhabung ist viel zu kompliziert und auch zu undurchsichtig, um „Massen“ von Internetnutzern als Abonnenten zu gewinnen. So ist die Handhabung der Abo-Kündigung alles andere als zeitgemäß.
  • Die geforderten Abo-Gebühren zwischen 4,99 und 14,99 Euro pro Monat sind deutlich zu hoch. Soweit bekannt, hat Springer mit der bislang deutlich günstigeren Smartphone-App in Höhe von 2,99 bzw. 3,99 Euro (mit PDF der „Bild“-Ausgabe) zu wenige zahlende Nutzer erreicht. Es ist für mich nicht erkennbar, warum sich jetzt „Massen“ auf eines der „BILDplus“ stürzen sollten.
  • Es wird weiterhin zahlreiche kostenlose Alternativen von Informationsangeboten im Internet sowie für mobile Endgeräte geben, die wie „Tagesschau“ und „Heute“ vor allem wesentlich mehr – und in der Regel auch qualitativ bessere – Bewegtbilder zu bieten haben oder – wie Spiegel Online und Zeit Online – journalistisch ein wesentlich höheres Niveau aufweisen.

„BILDplus ist ein Paradigmenwechsel hin zu einer Bezahlkultur für journalistische Inhalte im Internet“ sagte Donata Hopfen, Geschäftsführerin BILDdigital, bei Vorstellung des neuen Modells am 27. Mai. Für die Axel Springer AG mag das zutreffen. Ob’s auch bei den Nutzern so ankommt? Da habe ich ernsthafte Zweifel.

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