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„Sie sind Moslems“

21. April 2013 | Die Suche nach den Motiven der Bostoner Attentäter führte bei ZEIT ONLINE zu einer schlimmen journalistischen Entgleisung. | Titelbild: Thomas Lefebvre bei Unsplash

Was war bloß los am vergangenen Samstagabend in der Redaktion von ZEIT ONLINE?  Um 19.57 Uhr erschien in dem Webportal ein Beitrag mit der Hauptzeile „Rätseln über die Motive der Boston-Attentäter“. Am Abend nach der Festnahme des 19jährigen Dschochar Zarnajew befasste sich Autor Ragnar Vogt mit den möglichen Hintergründen der furchtbaren Anschläge während des Boston Marathons.

Die journalistische Leistung – wenn davon überhaupt die Rede sein kann – besteht in einer Zusammenstellung von Erkenntnissen, die CNN, CBS, Wall Street Journal und andere US-Medien zuvor verbreitet hatten. Verbunden werden diese Rechercheergebnisse anderer durch eigene Textübergänge des Autoren, die auch schon mal makaber wirken. Über den älteren der Zarnajew-Brüder schreibt Vogt beispielsweise: „Von Tamerlan selbst kann man nichts mehr erfahren, er ist auf der Flucht gestorben.“

Es sind nicht solch’ dümmliche Formulierungen, die mich stören. Es ist der Einstieg in den Artikel, der mich zunächst ratlos und dann regelrecht wütend machte:

Sie sind Moslems, die beiden Attentäter von Boston. Es wäre allerdings vorschnell, darin ein Motiv für den Anschlag auf den Boston-Marathon zu vermuten, bei dem drei Menschen starben und mehr als 180 verletzt wurden.

Da können Moslems auf der ganzen Welt wohl beruhigt sein, dass sie nicht allein wegen ihrer Religionszugehörigkeit pauschal unter Terrorverdacht stehen, zumindest nicht bei ZEIT ONLINE-Redakteuren. Schließlich wird ja auch nicht jeder Christ pauschal der Kinderschändung verdächtigt – könnte man da zynisch anmerken.

Nein, es ist einfach unglaublich, dass solche gleichfalls herablassenden wie diskriminierenden Ausführungen einfach so im Webportal eines Mediums veröffentlicht werden, das unverdrossen mit dem eigenen hohen journalistischen Qualitätsanspruch für sich wirbt. Auch mehr als 24 Stunden nach der Veröffentlichung, am Sonntagabend als ich diesen Blogeintrag ins Netz stellte, gab es noch keine Korrektur oder gar eine Entschuldigung für diese schlimme Entgleisung.

Daraus lässt sich nur schlussfolgern, dass bei ZEIT ONLINE keine journalistische Qualitätskontrolle stattfindet, zumindest nicht an Wochenenden. Das sollte sich spätestens zu Beginn der neuen Woche ändern. Sonst könnte sich diese Fehlleistung noch zu einem journalistischen Skandal ausweiten.

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