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Schöne Ferien, Herr Professor

Über Wunsch und Wirklichkeit eines Staatsbediensteten in der vorlesungsfreien Hochschulzeit.

1. Juli 2009 | Die E-Mail, die am Montag von einer Studierenden bei mir einging, war durchaus freundlich formuliert: „Beigefügt erhalten Sie die Rohfassung meiner Bachelorarbeit zur Korrektur. Ich hoffe auf Ihre baldige Rückmeldung und wünsche Ihnen weiterhin schöne Ferien.“

Das ist einer der Gründe, warum ich Professor geworden bin: Drei Monate Ferien am Stück, und das in jedem Sommer. Während fleißige Studierende für Prüfungen büffeln, in Klausuren schwitzen, ihre Belegarbeiten schnell noch fertig stellen und nebenbei ihren Lebensunterhalt an der Supermarktkasse, im Eiscafé oder Versandhauslager hart erarbeiten müssen, lassen es sich die „Profs“ richtig gut gehen. Die Ferienidylle auf der heimischen Terrasse wird höchstens durch den Dauerregen, gelegentliche Anrufe oder ein paar läppische Anfragen gestört.

So schön könnte das Leben zumindest im Sommer für mich sein, wenn nicht gleich 27 Studierende auf die blödsinnige Idee gekommen wären, ihre Abschlussarbeiten ausgerechnet von mir betreuen zu lassen. Also muss ich von den geplanten 57 „Lautagen“ außerhalb meines offiziell beantragten Urlaubs schon mal 27 abziehen, weil für die ordentliche Begleitung einer Bachelor- oder Diplomarbeit durchschnittlich mindestens ein ganzer Tag nötig ist.

Dann bleiben aber immer noch 30 „inoffizielle“ Ferientage für Rasenmähen, Baden gehen, Wellensittiche versorgen und es sich einfach gut gehen lassen. Allerdings – um korrekt zu sein, muss ich noch acht weitere Tage streichen, weil an den Wochenenden nun mal nicht gearbeitet wird, zumindest tut man das nicht als – nahezu unkündbarer – Angestellter des Freistaats Sachsen.

„Wann können wir mit den Noten für die Klausur rechnen?“ – fragte mich am vergangenen Donnerstag gleich nach der Prüfung im Modul Personalmanagement besorgt ein „Nullsiebener“. Na gut, das habe ich gleich in den nächsten Tagen erledigt. Zusammen mit den Bewertungen meiner Teile der Prüfung „Medien-BWL“ waren das schließlich nur drei Tage (und halbe Nächte). Wer mitgerechnet hat, kommt jetzt auf 19 Tage.

Dabei fällt mir ein, was mir mein „Ziehvater“ an der Hochschule, Professor Ludwig Hilmer, schon vor Beginn meiner ersten langen Sommerpause vor fünf Jahren dringend geraten hatte: „Sie müssen auch schon an das Wintersemester denken – da haben Sie 26 Stunden Lehrveranstaltungen in der Woche und kaum Zeit, zwischendurch noch Vorlesungen auszuarbeiten.“

Aus den 26 – werden im kommenden Wintersemester 30 Stunden Lehrveranstaltungen pro Woche. Da wäre es gar keine so schlechte Idee, schon jetzt Vorlesungen und Seminare vorzubereiten. Also mit einem Tag pro Vorlesung müsste ich eigentlich auskommen, schließlich bin ich nach zehn Semestern in der „Hochschul-Bütt“ schon fast ein wissenschaftlicher Profi, obwohl einige Kollegen daran immer noch so ihre Zweifel haben. Also – 30 Vorlesungen für das Modul „Journalistisches Arbeiten“ und 15 für das Teilmodul „Personalmanagement“ ergeben zusammen 45 Tage.

Weil der Freistaat Sachsen von seinen höher eingestuften Mitarbeitern wie Hochschulprofessoren durchaus mehr als acht Stunden Einsatz pro Arbeitstag zu recht erwarten kann, rechne ich den unvermeintlichen Verwaltungskram, Schriftverkehr, Sprechzeiten und die regelmäßige Kontrolle der von mir betreuten Projekte hier gleich mit ein – und komme auf Minus 26 Tage.

Mist – irgendwie muss ich mich wohl verrechnet haben, zumindest als ich seinerzeit meinen Vertrag als Hochschulprofessor unterzeichnete. Und dabei geht es mir verdammt gut, wenn ich mich mit ehemaligen Chefs, Kollegen und Mitarbeitern vergleiche, die schuften – und auch immer mehr „buckeln“ müssen, um als Journalisten, Verlagsleiter oder Programmchefs „überleben“ zu können.

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