Medien

Report München fiel beim Skifahren ziemlich auf die Klappe…

…und verletzte dabei vor allem die Zuschauer. Anmerkungen über einen journalistischen Absturz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

28. Januar 2009 | „Investigativer Journalismus, seriöse Informationen, klare Positionen. Das sind die Markenzeichen von report MÜNCHEN.“ Das steht so auf der Internetseite des vom Bayerischen Rundfunk für „Das Erste“ produzierten „Politmagazins“. Allerdings liegen zwischen Anspruch und journalistischer Umsetzung manchmal ganze (Ski-)Welten.

Moderatorin Claudia Schick – Screenshot Report München vom 26.01.2009

In der Ausgabe am 26. Januar beschäftigte sich das Magazin unter dem Titel „Immer schneller, immer brutaler“ mit dem angeblichen „Wintersport Wahnsinn in den Alpen“. Doch statt fundierter Informationen, nachvollziehbarer Fakten und zutreffender Analysen, wurde den Zuschauern fast sieben Minuten lang ein Schreckensszenario von den vermeintlichen Schlachtfeldern in den Alpen vorgeführt und Skifahrer pauschal zu „rasenden Rowdys“ abgestempelt. Skifahren ist gefährlich geworden – für viele Medien spätestens seitdem Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus zu Beginn des Jahres den schlimmen Unfall auf einer Piste in der Steiermark hatte, bei dem eine 41Jährige Frau das Leben verlor. Das mag auch der Grund für Report-München gewesen sein, ein Team auf die weißen Schlachtfelder in die Alpen zu schicken, um Schreckensszenen mit schwer verletzten Skifahrern, verzweifelten Rettern und überforderten Notärzten einzufangen.

Blick auf die Skispitzen in Nahaufnahme – Screenshot Report München, 26. Januar 2009

Die Aufgabe hat Reporter Mike Lingenfelser aus Sicht seiner Redaktionsleitung offenbar bestens erledigt und dabei auch nicht an „Action“ gespart. Ob Teile des Bildmaterials mit stürzenden und zusammenprallenden Skifahrern aus Archiven stammen oder für die Reportage nachgestellt wurden, bleibt unklar. So zum Beispiel in einer mit knalliger Rockmusik unterlegten Szene, bei der der vermeintliche Pistenrowdy die eigenen Skispitzen während der Abfahrt gefilmt haben muss. James Bond lässt grüßen.

Mit den Action- und Schreckensszenen sollte schließlich die These belegt werden, dass „die Zahl der schweren Unfälle auf Skipisten und Rodelstrecken zunimmt.“ Darüber gibt es durchaus unterschiedliche Ansichten und Statistiken. Die „Ärzte-Zeitung“ kam im Februar 2008 zu dem Ergebnis „Trotz vieler Berichte über Unfälle: Skifahren ist sicher wie nie“ und berief sich dabei auf die Auswertung von 11.000 Fragebögen von Patienten nach Skiunfällen im Zeitraum 1994 bis 2007, die mit österreichischen Lift-Statistiken abgeglichen wurden.

Mag sein, dass diese Statistik für die laufende Entwicklung nicht repräsentativ ist. Report München konnte jedenfalls keine gegenteiligen Untersuchungen vorweisen und stütze sich vor allem auf die Aussagen von offenbar kriegserprobten Unfallchirurgen. Dr. Herbert Forster, Landesbergwachtarzt Bayern, kommt sich „manchmal vor wie wenn ein Krieg ausbricht.“ Und auch Dr. Hans-Peter Schmelz, Unfallchirurg im Klinikum Immenstadt, bestätigte auf eindringliche Nachfrage des Reporters sichtlich verlegen „Im Lazarett, tatsächlich. Ja, so ist das.“

Dialog aus der Reportage: „Immer schneller, immer brutaler“: report MÜNCHEN: „Woran erinnert Sie das?“ | Dr. Hans-Peter Schmelz: „Ja, an meine Bundeswehrtrainingszeiten.“ | report MÜNCHEN: „Im Lazarett?“ | Dr. Hans-Peter Schmelz: „Im Lazarett, tatsächlich. Ja, so ist das.“

Schuld an diesen kriegsähnlichen Zuständen auf den Pisten haben aus Sicht von Report München offenbar alle Skifahrer – denn „genüsslich die Hänge herunterzuwedeln ist Schnee von gestern – schneller, härter, brutaler – das ist Skifahren von heute“, ließ Moderatorin Claudia Schick die Zuschauer schon zum Einstieg in das winterliche Schreckensszenario wissen. Schließlich hatte Kollege Lingenfelser offenbar nur „rasende Rowdys auf den Pisten“ und „Skifahrer ohne Plan und Verantwortungsbewusstsein“ bei seinem gebührenfinanzierten Ausflug in die Berge entdeckt. Verantwortlich sind aus seiner Sicht nicht zuletzt auch „die Skihersteller“, weil die angeblich „auf ein neues Brutalo-Image“ setzen: „Skimarken wie ‚Eliminator‘ oder ‚Gun‘, beworben für ‚M?chtegern-Rennfahrer‘, die gerne einen ‚Dobermann‘ fahren oder etwa einen ‚Fight‘ oder ‚Aggressor‘. Kriegsrhetorik im Skimarketing auch in Anlehnung an das Kampfflugzeug ‚Spitfire‘.“

Aufgeführt wurden dabei allerdings lediglich die Modelle der beiden Hersteller „Nordic“ und „Salomon“. Zumindest hatte Autor Lingenfelser für seine Ski-Reportage ergänzende Recherchen im Internet betrieben und war dabei wohl auch auf den Beitrag „Bissig, präzise, brutal“ gestoßen, den Süddeutsche.de am 20. Januar veröffentlicht hatte. Die genannten Skimodelle sind weitgehend identisch und der im Internetbeitrag verwendete Begriff „Möchtegern-Rennfahrer“ wurde gleich mit übernommen. Im Bild kurz zu sehen – im begleitenden Kommentar nicht erwähnt: Report München zitiert einen vier Jahre alten Bericht über das angebliche Geschäft mit Unfallopfern auf der Skipiste.

Die gute Nachricht kam doch noch – kurz vor Schluss der Reportage. „Rasende Rowdys“, die „ohne Plan und Verantwortungsbewusstsein“ Skipisten in Deutschland und Österreich offenbar in Kriegsgebiete verwandeln, bekommen es in Südtirol mit der Pistenpolizei zu tun: „Halt! Stopp! Sie waren ein bisschen schnell mit den Skiern unterwegs.“ Gut zu wissen, dass „die Carabinieri in Südtirol versuchen zu überzeugen. Im übrigen Italien verhängen sie sogar Bußgelder für Raser.“

Screenshot Report München, 26. Januar 2009

In Österreich setzt man dagegen nach Darstellung von Report München wohl eher auf das Geschäft mit den Verunfallten, „denn die Versorgung von Unfallopfern, insbesondere als sogenannter ‚Dienstleistungsexport‘ bei ausländischen Touristen, bringe einen Wertschöpfungseffekt von bis zu 43 Millionen Euro.“ Dass der zitierte Beitrag aus der österreichischen Fachzeitschrift „FachWeltSport“ schon vier Jahre alt ist, wurde im begleitenden Kommentar allerdings verschwiegen. Das würde wohl nicht zu „investigativem Journalismus, seriösen Informationen und klaren Positionen“ passen. Das sind schließlich die „Markenzeichen von report MÜNCHEN“.

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