Medien

Qualität zahlt sich wohl doch nicht aus

18. Mai 2010 | Im Vergleich zu Großbritannien geht’s Zeitungen hierzulande noch vergleichsweise gut. Von den teilweise dramatischen Auflageverlusten sind vor allem Qualitätsblätter wie „The Guardian“ und „The Independent“ betroffen.

Wenn es um Herausforderungen und Chancen für den Journalismus im Zusammenhang mit Social-Media-Plattformen wie „Facebook“ oder „Twitter“ geht, ist Alan Rusbridger weltweit ein gern zitierter Experte. Erst vor einigen Tagen lobte ihn „Zeit-Online-Chef“ Wolfgang Blau in seinem Gastbeitrag zur Reihe „Wozu noch Journalismus?“ bei „Sueddeutsche.de“, weil der Chefredakteur des britischen „The Guardian“ von allen seinen Redakteuren die Einrichtung einer persönlichen Facebook-Seite und eines Twitter-Accounts erwarte. „Es ist dieser Mut zum Experiment und diese Bereitschaft zum Scheitern, mit der sich der Guardian das Vertrauen von inzwischen knapp 37 Millionen Nutzern auf der ganzen Welt (Unique Users pro Monat) erarbeitet hat“, schwärmt Blau.

„Wenn es allerdings um die Entwicklung des Renommierblatts auf dem britischen Zeitungsmarkt geht, gibt sich Rusbridger eher wortkarg, zumindest in der Öffentlichkeit. Was sollte der Chefredakteur auch sagen? Schließlich hat „The Guardian“ innerhalb eines Jahres fast 16 Prozent der verkauften Auflage verloren. Damit ist das in der Vergangenheit mehrfach ausgezeichnete Qualitätsblatt der größte Verlierer unter den krisengeschüttelten Tageszeitungen in Großbritannien. In negativer Hinsicht übertroffen wird „The Guardian“ nur noch von der ebenfalls in der Guardian Media Group erscheinenden Sonntagszeitung „The Observer“, die seit April 2009 sogar über 21 Prozent ihrer Käufer verlor.

Qualität zahlt sich wohl doch nicht aus – zumindest nicht auf dem britischen Zeitungsmarkt. Denn neben den beiden Blättern der Guardian Media Group, verlieren weitere vermeintlich anspruchsvolle Tages- und Sonntagszeitungen bereits seit Jahren an Auflage: Die jüngste Tageszeitung „The Independent“, die kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1986 bis zu 400.000 Käufer fand, dümpelt inzwischen bei weniger als 190.000 Exemplaren. Der neue Eigentümer Alexander Lebedev spielt nach britischen Medienberichten offenbar mit dem Gedanken, den Verkaufspreis des Blattes drastisch zu senken und so über eine möglicherweise höhere Auflage wieder mehr Anzeigen generieren zu können. Der russische Milliardär hatte zuvor bereits das Londoner Boulevardblatt „Evening Standard“ übernommen und lässt es seit Oktober des vergangenen Jahres kostenlos verteilen.

Das zu Rupert Murdochs News Corporation gehörende Traditionsblatt „The Times“ verlor in den letzten zwölf Monaten über 14 Prozent seiner Auflage und kam im April dieses Jahres gerade noch über eine halbe Million Verkäufe. Mehrere redaktionelle Umstellungen in den vergangenen Jahren, optische Neuausrichtungen und große Werbekampagnen konnten den negativen Trend nicht aufhalten.

W?hrend die Qualitätszeitungen zum Teil dramatische Verluste bei Auflagen und wirtschaftlichen Ergebnissen zu verzeichnen hatten, konnten sich die meisten der berühmt-berüchtigten britischen Boulevardblätter wie die Tageszeitung „The Sun“ oder der Sonntagstitel „News of the World“ nahezu stabil im Markt halten.

Als Grund für diese uneinheitliche Entwicklung des britischen Pressemarktes sehen Medienexperten auf der Insel unter anderem die geringere Affinität der Boulevardblatt-Leser gegenüber dem Internet, während typische „Guardian“- oder „Independent“-Nutzer Onlineangeboten wesentlich aufgeschlossener gegenüberstünden. Nur – die Bereitschaft, für journalistische Qualität im Internet auch zu bezahlen, ist in Großbritannien – ähnlich wie bei uns – bislang nicht besonders ausgeprägt. Die von „Zeit-Online-Chefredakteur“ Wolfgang Blau beispielhaft genannten „knapp 37 Millionen Unique Users pro Monat“ nutzen die umfangreichen Angebote des „Guardian“ vorerst weiterhin fast ausschließlich zum Nulltarif. Nur Applikationen für Smartphones sind bislang kostenpflichtig.

Hinweis: Dieser Beitrag entstand auf Grundlage einer Meldung im Mediendienst turi2 von Montag, 17. Mai 2010.

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