Medien

Privatdemoskopie im Schulbus

15. Juli 2010 | „Bayern 3“ hat ausweislich der am Mittwoch veröffentlichten Media-Analyse reichlich Hörer dazu gewonnen – und wird sie wohl auch wieder verlieren.

Wenn’s gut läuft hat Otto-Normal-Hörer zweimal im Jahr die Chance, den geballten Dank der Moderatoren seines bevorzugten Radiosenders in Empfang nehmen zu dürfen. Nach Veröffentlichung der Ergebnisse der Hörerumfrage „MA 2010 Radio II“ an diesem Mittwoch wurden beispielsweise die Mitarbeiter der Popwelle des Bayerischen Rundfunks nicht müde, sich für „über 100.000 neue BAYERN 3-Hörer“ (Anmerkung: Hörer pro Tag, nicht pro durchschnittlicher Sendestunde) überschwenglich zu bedanken. Programmchef Walter Schmich sieht das Ergebnis „als Vertrauensbeweis dafür, dass sich journalistische Qualität und Unterhaltung nicht ausschließen und man mit abwechslungsreicher Musik auch neue Hörer gewinnen kann.“

Die Freude im Funkhaus des Bayerischen Rundfunks ist nachvollziehbar: Jahrelang hatte das ehemalige Kultprogramm der 70er und 80er Jahre nahezu aussichtslos hinter dem privaten Konkurrenten „Antenne Bayern“ hinterhergesendet. Nach dem jetzt ausgewiesenen Gewinn von 85 Tausend Hörern in der Durchschnittsstunde (plus 12,8 Prozent), haben die öffentlich-rechtlichen Radiomacher ihren Abstand zu den privaten Kollegen deutlich reduziert, zumal die „Antenne“ 72 Tausend Hörer pro Durchschnittsstunde einbüßte (minus 5,9 Prozent). Die Privatfunker aus der Münchner Vorstadt Ismaning verloren damit sogar die Marktführerschaft im bayerischen Äther an die BR-Schunkel- und Oldiewelle „Bayern 1“.

Ob „Bayern 3“ das gute Ergebnis in dieser Media-Analyse allerdings halten – oder gar noch verbessern kann, erscheint fraglich, zumindest für Julia und ihre Freundinnen. Im Frühjahr waren die 12- und 13Jährigen Gymnasiastinnen noch ausgewiesene „Bayern 3-Fans“. Begeistert hatten die angehenden Teenager seinerzeit vor allem die Aktion „Unglaublich – aber wahr“ nahezu täglich verfolgt. Dabei stellte Morgenmoderatorin Claudia Conrath ihren Kollegen Marcus Fahn und Bernhard Fleischmann knifflige Aufgaben, die innerhalb von 24 Stunden gelöst werden mussten. So fanden die beiden Radioleute beispielsweise einen überzeugten Vegetarier, der als Metzger arbeitet oder einen Bayern, der bis auf zwei Ausnahmen sämtliche Staaten der Welt bereist hatte und dieses auch noch nachweisen konnte. Wenn der Fahrer des Schulbusses im Februar gewagt hätte, morgens einen anderen Sender einzuschalten, wäre es vermutlich zu heftigen Protesten unter den jugendlichen Fahrgästen gekommen.

Den Wert der Aktion für das eigene Programm hatte „Bayern 3“-Moderatorin Claudia Conrath im Februar noch zutreffend so eingeschätzt: „Radio gewinnt immer dann Hörer, wenn es gelingt, Gesprächsthemen zu kreieren“. Aus Gesprächen mit ehemaligen Kollegen bei anderen Sendern wusste die Radiofrau, dass Konkurrenten die öffentlich-rechtlichen „Frühaufdreher“ wegen deren pfiffiger Aktion heftig beneideten.

Unglaublich – aber wahr: Inzwischen läuft auf der Fahrt ins naheliegende Rosenheim wieder „Antenne Bayern“ – und niemand nimmt Anstoß an dem Senderwechsel, weil „Bayern 3“ Ende Februar die erfolgreiche Aktion vorerst vom Sender nahm. „Mangels guter Ideen“, heißt es – inoffiziell – zur Begründung aus der Redaktion. Das wäre allerdings kein besonders gutes Argument, wenn nach Veröffentlichung der nächsten Umfrageergebnisse im März 2011 möglicherweise Verluste bei den Hörerzahlen erklärt werden mussten.

Aber was bedeutet schon Privatdemoskopie im Schulbus nach Rosenheim? Nach meiner Erfahrung mindestens genauso viel wie irgendwelche aufwendig erhobenen Trends, die spätestens nach Veröffentlichung der nächsten Media-Analyse ohnehin nichts mehr wert sind.

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