Medien

PR-Veranstaltung in honorarfreier Zone

23. Juni 2010 | Für eine PR-Aktion will „Welt Kompakt“ Blogger zum Nulltarif anheuern. Doch längst nicht jeder Journalist mag bei dem vermeintlichen Experiment dabei sein.

Deef Pirmasens hat nach eigenen Angaben beruflich schon so einiges mitgemacht: „Ich habe in wechselnden Jobs z. B. als Sanitäter, Telefonist und Reporter gearbeitet. Statt einen ordentlichen Beruf zu erlernen, studierte ich was mit Medien und bin heute als Autor und Berater für Medienunternehmen in Deutschland und Slowenien tätig“, schreibt der Journalist in seinem Blog „Die Gefühlskonserve“ über sich selbst. Am 30. Juni dieses Jahres will er allerdings nicht dabei sein, wenn „Welt Kompakt“ das vermeintlich „einmalige Medienprojekt“ startet: Am Tag der Bundespräsidentenwahl soll die journalistische Hoheit in der Redaktion des „Welt“-Ablegers an 20 Blogger übertragen werden. Nach Angaben des Springer-Verlags haben prominente Blogger – darunter US-Guru Jeff Jarvis – ihre Mitwirkung zugesagt. Produziert werden soll die „Welt-Kompakt-Ausgabe“ für den 1. Juli.

Eigentlich wäre das durchaus ein prominentes Umfeld für Deef Pirmasens. Doch der Journalist aus München verweigert sich. Grund: Springer will die Blogger zum Nulltarif für das vermeintliche Experiment anheuern – und da mag Pirmasens nicht mitspielen: „Ich als Freiberufler verliere einen Tagessatz meines regulären Medienjobs – ein Minusgeschäft also. Komisch, dass mir die WELT KOMPAKT das zumuten möchte, dachte ich doch, man habe mich eingeladen, weil man mir eine gewisse Wertschätzung entgegenbringt“, schreibt er in einem am Mittwoch veröffentlichten Hintergrundbeitrag unter dem Titel „Das kompakte Honorarfrei-Experiment“.

Unterstützt wird Dirk Pirmasens in dieser Haltung unter anderem von seinem Berufskollegen Thomas Mrazek, Vorsitzender der Fachgruppe Online-Journalisten beim Deutschen Journalisten-Verband (DJV). Der hält es für unverschämt, dass den Bloggern für diese „PR-Aktion“ kein Honorar angeboten wird.

Blogger Sachar Kriwoj freut sich dagegen schon auf seinen – wohl ebenfalls honorarfreien – Einsatz für „Welt Kompakt“: „Weil ich noch nie an einem journalistischem Print-Produkt gearbeitet habe.“ In seinem Blog „Massenpublikum“ hat er inzwischen die Leser aufgefordert, Themen einzureichen, die dann am 1. Juli gedruckt erscheinen sollen. Dass es allerdings in der Springer-Redaktion nicht ganz so freigeistig zugehen wird, wie an manchem Blogger-PC ahnt Kriwoj wohl schon: „Ich kann nicht versprechen, dass all die von Euch vorgeschlagenen Artikel umgesetzt werden, sehr wohl aber, sofern Sie mein Gefallen finden, dass ich mich für Euch und Eure Themen einsetzen werde.“

Einen Vorgeschmack in Sachen begrenzter Blogger-Freiheit dürfte Sachar Kriwoj bereits erhalten, wenn er „Welt Online“ aufruft: Ausgerechnet zum Beitrag „Gebt her eure Themenvorschläge“, der sich mit dem Engagement Kriwojs für die Aktion beschäftigt, wurde der Kommentarbereich geschlossen. So genau will man in der Springer-Redaktion wohl doch nicht wissen, was Blogger und Leser von der PR-Aktion in der honorarfreien Zone halten.

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