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Polizeigewalt in den USA: Es sind mindestens schon 566 Tote in diesem Jahr

8. Juli 2016 | Der Guardian dokumentiert in seinem Projekt „The Counted“, dass Polizeigewalt in den USA weit über die beiden Todesfälle in Louisiana und Minnesota hinausgeht, die jetzt zu Protesten und dem Tod von fünf Ordnungshütern in Dallas geführt haben. In diesem Jahr verloren bereits 566 Menschen bei Polizeieinsätzen ihr Leben. Dabei sind neben farbigen US-Bürgern vor allem auch die Nachkommen der amerikanischen Ureinwohner besonders häufig betroffen.

Die bewegten Bilder von Alton Sterlings Tod, die unter anderem von CNN verbreitet wurden, sind schier unerträglich. Sie zeigen den 37jährigen Afroamerikaner auf dem Boden liegend, mehrere Polizeibeamte kauern über dem scheinbar hilflosen Mann. Dann sind mehrere Schüsse zu hören – warum ist unklar: Das Opfer hatte zwar eine Waffe bei sich, diese jedoch ganz offensichtlich nicht gegen die Polizisten erhoben. Ereignet hat sich dir tragische Szenerie am Dienstag außerhalb eines Supermarkts in Baton Rouge, der Hauptstadt von Louisiana. Einen Tag später wurde der 32jährige Philando Castile in der Ortschaft Falcon Heights im US-Bundesstaat Minnesota bei einer Fahrzeugkontrolle angeschossen. Der Mann – ebenfalls afroamerikanischer Abstammung –  starb später im Krankenhaus. Seine neben ihm sitzende Freundin hat die fürchterliche Szenerie mit ihrem Smartphone gefilmt und offenbar auch live im Internet verbreitet.

Alton Sterling und Philando Castile sind an diesen beiden Juli-Tagen nicht die einzigen Opfer polizeilicher Gewalt in den Vereinigten Staaten. Nach Erkenntnissen des Guardian starben am 5. Juli drei weitere Menschen durch Schüsse aus Polizeiwaffen in den Bundesstaaten Kalifornien, Arizona und Oregon. Am 6. Juli gab es jeweils einen Toten in Kalifornien und Oklahoma. Insgesamt hat der Guardian in diesem Jahr – bis einschließlich 7. Juli – bereits 566 Todesfälle mit Polizeibeteiligung in den USA registriert – das sind etwa ebenso viele Tote wie zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Am Jahresende 2015 waren es schließlich 1.146 Todesopfer. Es steht zu befürchten, dass die Bilanz in diesem Jahr ähnlich schrecklich ausfallen wird, zumal erfahrungsgemäß einige Todesfälle erst mit zeitlicher Verzögerung bekannt – und damit auch registriert werden.

Tote Ethnien

In dem Projekt „The Counted“ sammelt die Redaktion des Guardian seit dem vergangenen Jahr Daten und Erkenntnisse über Todesfälle in den USA, an  denen Polizisten beteiligt waren. Diese Daten, die auch zum Download als CSV-Dateien für die Jahre 2015 und 2016 zur Verfügung stehen, werden nach verschiedenen Kriterien ausgewertet und aufbereitet. Bei Betrachtung der ethnischen Herkunft im Vergleich zu den jeweiligen Bevölkerungsanteilen sind  in diesem Jahr bislang Menschen mit indianischer Abstammung noch vor US-Bürgern mit schwarzer Hautfarbe besonders häufig betroffen.

  • Anzahl der Todesfälle bis einschließlich 7. Juli 2016: 566
  • Bundesstaaten – die meisten Todesfälle gesamt: Kalifornien 74 | die meisten Todesfälle pro 1 Mio. Einwohner: New Mexiko 15 bei 2,1 Mio. Einwohnern
  • Geschlechter – Männer: 94,8 % | Frauen: 5,2 %
  • Unter 18jährige –  11 von 566 = 1,9 % | jüngstes Opfer: 10 Jahre
  • Häufigste Todesart – von Polizei erschossen: 533 von 566 = 93,8 %
  • Bewaffnung der Toten – Schusswaffe: 274 von 566 = 48,4 % | andere Waffen (z.B. Messer): 210 von 566 = 37,1 % |  Unbewaffnet: 82 von 566 = 14,5 %

Jüngstes Opfer in diesem Jahr war bislang der 10jährige Nathan Roman aus dem Ort Latham im Bundesstaat New York, der bei einer Familientragödie den Tod fand. Sein Vater, ein Polizeibeamter, erschoss mit seiner Dienstwaffe den Jungen und auch dessen Mutter. Im vergangenen Jahr wurde der erst sechs Jahre alte Jeremy Mar­dis bei einem Polizeieinsatz getötet. Der autis­ti­sche Junge war im Novem­ber in der Klein­stadt Marks­ville im US-Bundesstaat Loui­siana von meh­re­ren Poli­zei­ku­geln im Auto sei­nes Vaters getrof­fen wor­den. Die Beam­ten hat­ten das Feuer eröff­net, weil sich der unbe­waff­nete Mann angeb­lich einer Poli­zei­kon­trolle ent­zie­hen wollte.

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CNN berichtete am 7. und 8. Juli nahezu pausenlos über Unruhen und die Morde an fünf Polizisten in Dallas | Bild: Screenshot CNN

Nun ist die Gewalt in einer Art eskaliert, die wiederum Polizisten in den USA zu Opfern werden lässt. In Dallas starben fünf Beamte in der Nacht zum Freitag (deutscher Zeit) durch Heckenschützen, mindestens elf weitere wurden verletzt. Sie hatten die Aufgabe bei einer Demonstration gegen Polizeigewalt im Zentrum der texanischen Millionenstadt für Ordnung zu sorgen.

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