Medien

„Operation Röschen“ ging wohl ins Höschen

4. Juni 2010 | Mit ihrer Entscheidung für Christian Wulff erwischte „Mutti“ Merkel die Hauptstadt-Journaille am Donnerstag mal wieder auf dem völlig falschen Fuß. Schließlich hatten die meisten deutschen Medien Ursula von der Leyen als künftige Bundespräsidentin bereits ausgiebig gefeiert.

Was soll’s, wenn das Stück schon mal geschrieben ist, stellen wir es unseren Kunden auch zur Verfügung – das mögen sich am Donnerstag die diensthabenden Redakteure bei dpa wohl gedacht haben, als sie das „Porträt: Von der Leyen aus dem Rennen“ über die „Ticker“ verbreiteten. Vermutlich sollte es ursprünglich wohl ein Hintergrund über die vermeintlich künftige Bundespräsidentin werden. Jetzt blieb den Agenturredakteuren nichts anderes übrig, als ihrem Beitrag einen Vorspann – auch in eigener Sache – voranzustellen: „Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales war vorschnell – auch von den Medien – zu hoch gehandelt worden.“

Wie wahr: Fast drei Tage lang hatte zuvor der deutsche Medien-Mainstream einhellig seine Zuschauer, Hörer und Leser auf Ursula von der Leyen als künftig – erste weibliche – Präsidentin der Bundesrepublik eingeschworen. Kaum eine deutsche Tageszeitung, die am Mittwoch und/oder Donnerstag die Bundesarbeitsministerin nicht als „klare Favoritin“ sah, als „eine Frau ganz oben“ wähnte („Hamburger Abendblatt“) oder die „neue Mutter der Nation“ („Bild“) auf dem Titel präsentierte. Vermeintlich wohl informierte Haupstadt-Korrespondenten waren sich „ziemlich sicher“, dass demnächst Frau von der Leyen samt Großfamilie in das Schloss Bellevue einziehen wird.

Für „Spiegel Online“ hatten noch am Mittwoch gleich fünf namentlich ausgewiesene Redakteure unter der Überschrift „Operation Röschen“ Argumente dafür zusammengetragen, warum Ursula von der Leyen „eine gute Wahl“ sei, die sogar „die Opposition in ein Dilemma stürzen“ könnte. Einen Tag später ging die „Operation Röschen“ gewaltig ins Höschen, weil sich „Mutti“ Merkel für Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff als Köhler-Nachfolger entschieden – und damit Deutschlands Politik-Journaille erneut düpiert hatte.

Längst nicht zum ersten Mal wurde der deutsche Medien-Mainstream von Politikern überrascht. Als beispielsweise im Mai 2004 nach der NRW-Wahl der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder Neuwahlen für den Bund ankündigte, war das nicht nur für die renommierte „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ „die Überraschung“. Ähnlich war seinerzeit auch der Tenor nahezu aller Berichterstatter der großen deutschen Zeitungen sowie in den politisch einflussreichen Fernsehsendungen. Ausländische Zeitungen, wie der britische „Guardian“ und der österreichische „Standard“, hatten dagegen schon Tage zuvor auf die Wahrscheinlichkeit von vorgezogenen Bundestagswahlen hingewiesen, weil sich damals ein Wahldebakel für die Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen bereits abzeichnete und die Rot-Grüne-Koalition damit die Mehrheit im Bundesrat zu verlieren drohte, was schließlich auch so kam.

Auch Horst Köhlers umstrittene Äußerungen im „Deutschlandradio Kultur“ zum Afghanistaneinsatz der Bundeswehr am 22. Mai wurden von den Leitmedien zunächst ignoriert. Erst die Hartnäckigkeit von Bloggern führte dazu, dass sich „Spiegel Online“ nach mehreren Tagen der Sache annahm, die immerhin zum Rücktritt des Bundespräsidenten am Montag führte.

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