Medien

Offenbarungseid nach Tornado

Ein Wirbelsturm hat am Donnerstagabend in der mecklenburgischen Gemeinde Plate Dutzende Häuser ab- und das journalistische Versagen des Privatsenders „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“ aufgedeckt.

Offenlegung: Der Autor dieses Beitrags war von März 1993 bis Dezember 1998 Geschäftsführer und Programmdirektor von Antenne MV, dem heutigen Antenne Mecklenburg-Vorpommern. Seit dem Ausscheiden bestehen keinerlei geschäftliche Beziehungen mehr zwischen dem Autor und dem Sender.

22. Mai 2009. Plate ist eine Gemeinde mit rund 3.500 Einwohnern in der Nähe von Schwerin und seit 16 Jahren Sitz des Privatsenders „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“. Seit Donnerstagabend geht das sonst eher verschlafene Dorf in Westmecklenburg durch die deutschen Medien. Grund dafür ist ein Tornado, der nach Meldungen von Nachrichtenagenturen und Regionalzeitungen eine „Spur der Verwüstung“ angerichtet haben muss. So berichtet die „Ostsee-Zeitung“ auf ihrer Internetseite: „Zahlreiche Menschen wurden obdachlos und stehen jetzt unter Schock.“

Das Funkhaus des privaten Regionalsenders blieb von den Naturgewalten offenbar verschont. Zumindest sendete „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“ am Freitag seine „Morgenfamilie“ – ganz so, als wäre nichts geschehen: „Die meisten 80er und Beste von heute“, dümmliche Comedys und fröhliche Floskeln des Moderators. Der Tornado, der das eigene Dorf am Abend zuvor heimgesucht hatte, spielte im Programm kaum eine Rolle.

Wer sich in Mecklenburg-Vorpommern am Freitagmorgen über die Auswirkungen des Wirbelsturms informieren wollte, erhielt in den Frühsendungen des Fernsehens fundiertere Auskünfte, als bei „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“. In den Nachrichten um 08.00 Uhr meldete sich ein Reporter – angeblich vom Ort des Geschehens, der das berichtete, was Nachrichtenagenturen schon Stunden zuvor verbreitet hatten. Kurz darauf kam der „Allianz“-Versicherungsvertreter aus einem Nachbardorf im Programm zu Wort, der darauf hinwies, dass sein Telefonanschluss seit dem Tornado gestört sei. Der Frühmoderator reagierte spontan und schlug den „Allianz“-Kunden in der Region vor, besser gleich beim Sender anzurufen.

Schließlich muss dann doch jemand aus dem Funkhaus ins 500 Meter entfernt liegende Dorf aufgebrochen sein, um einige Originaltöne von Geschädigten einzusammeln, die dann in den Nachrichten um 09.00 Uhr gesendet wurden. Das war’s. Die Berichterstattung über einen Tornado in Südfrankreich hätte kaum knapper ausfallen können.

Hauptsache Hansa steigt nicht ab

Verwüstungen hin – Obdachlose in Plate her, Hauptsache Hansa Rostock steigt nicht in die Dritte Liga ab. Das bevorstehende Abstiegsduell des Zweitligisten am Sonntag beim SV Wehen schien für die Programmmacher mindestens ebenso wichtig zu sein, wie die Auswirkungen des Wirbelsturms vom Vorabend im eigenen Dorf. Dass die verbliebenen Antenne-Hörer in Westmecklenburg am Freitagmorgen zudem kaum Spaß an Comedys wie „Die Merkels von nebenan“ gehabt haben dürften, ist durchaus nachvollziehbar.

Den beteiligten Moderatoren und Redakteuren kann für diese schlimme Informationspleite allerdings nur begrenzt ein Vorwurf gemacht werden. Der jetzt abgelegte „journalistische Offenbarungseid“ war vorprogrammiert und wurde von den Gesellschaftern des Senders offenbar auch von vornherein in Kauf genommen. Die hatten vor zwei Jahren die Außenstudios von „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“ schließen lassen und mehrere Redakteure entlassen.

Damals erklärte Geschäftsführer und Mitgesellschafter Hans-Ulrich Gienke gegenüber blogmedien, dass es aufgrund der heutigen technischen Möglichkeiten für einen Radiosender nicht mehr notwendig sei, Außenstudios zu betreiben. Reporter könnten per Computer und Datenübertragung ihre Berichte vom Ort des Geschehens und von zu Hause aus an das Funkhaus in Plate bei Schwerin zuliefern.

Das war ein fataler Irrtum, wie sich jetzt zeigt. Wer soll die aktuelle Berichterstattung aus der Region denn übernehmen? Laut Eigendarstellung auf der Website von „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“ sind für das 24stündige Programm in dem Flächenland insgesamt drei Nachrichten- und sechs weitere Redakteure journalistisch zuständig; darunter allerdings ein Kirchenredakteur, der „im Auftrag des Herrn unterwegs“ ist, ein „Hansa-Experte“, eine „Produzentin/Redakteurin der Morgenshow“ sowie zwei Volontäre. Bleibt noch die Chefreporterin, die nach Senderangaben „auch für Katastrophen in ganz Vorpommern zu haben“ ist. Wirbelstürme im Landesteil Mecklenburg gehören demnach nicht zum Aufgabengebiet der vermeintlich wichtigsten Journalistin des Senders.

„Abspielstation von Belanglosigkeiten“ 

Tatsächlich ist „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“ in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer „Abspielstation von Belanglosigkeiten“ verkommen, wie sogar Mitarbeiter immer wieder frustriert beklagen. Wenn der Sender für Aufmerksamkeit sorgte, dann vor allem mit peinlichen und sogar gefährlichen Aktionen wie dem „Blasen Test“ im Herbst 2006. Die Kandidaten mussten so lange und so viel wie möglich Wasser halten, während der damalige Morgenmoderator nach Darstellung des Senders „alle Register zog und mit Wassergeräuschen provozierte“.

Offenbar nahm niemand Ansto? an diesem gefährlichen Unsinn, auch nicht die zuständige Landesrundfunkzentrale Mecklenburg-Vorpommern, die eigentlich für die Aufsicht der Privatprogramme zuständig ist. Im kalifornischen Sacramento war damals eine Teilnehmerin bei einem vergleichbaren Wettbewerb an der so genannten Wasservergiftung gestorben. Die Antenne-Teilnehmer überlebten zum Glück den Schwachsinn.

Im Frühjahr 2007 wurde eine weitere makabere Aktion von „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“ erst auf öffentlichen Druck abgesetzt. Die Radiomacher hatten seinerzeit ihre Hörer allen ernstes aufgefordert, so viele Kilos wie möglich zuzulegen und Teilnehmern des gesundheitsgefährdenden Wahnsinns für jedes zugenommene Kilogramm 100 Euro versprochen. Nach Berichten bei blogmedien und in der „Schweriner Volkszeitung“ musste Geschäftsführer Hans-Ulrich Gienke den gefährlichen Blödsinn zähneknirschend abbrechen: „Wir haben uns immer für Mecklenburg-Vorpommern als Urlaubsland engagiert. Dazu passt diese Aktion einfach nicht.“

Die Mecklenburger und Vorpommern haben offenbar immer weniger Lust, sich solchen – teilweise gefährlichen – Blödsinn im Radio anzuhören. Der ehemalige Marktführer im Nordosten der Republik verlor in den vergangenen fünf Jahren weit mehr als die Hälfte seiner Hörerschaft und sendet mit zuletzt in der Media-Analyse ermittelten 105.000 Hörern in der Durchschnittsstunde aussichtslos hinter dem öffentlich-rechtlichen „NDR 1-Radio Mecklenburg-Vorpommern“ und der privaten „Ostseewelle“ hinterher. Dem Tornado könnten demnächst durchaus weitere Turbulenzen bei „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“ in Plate bei Schwerin folgen.

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