Best of Medien

Noch ein olympisches Milliardengrab

10. Februar 2014 | Rund drei Milliarden Fernsehzuschauer haben am vergangenen Freitag weltweit angeblich die Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi verfolgt – das behaupten zumindest Spiegel Online, Welt.de und Co. „Nachgezählt“ hat das offenbar niemand….

„40.000 Zuschauer im Fischt-Stadion in Sotschi und rund 3 Milliarden Fernsehzuschauer weltweit verfolgten das zweieinhalbstündige Spektakel“, berichtete am Freitagabend die Deutsche Welle auf ihrer Website zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi. Spiegel Online wusste am selben Abend, dass „rund drei Milliarden vor den Fernsehern weltweit die Panne des Abends“ verfolgten: „Aus einem Sternenbild hätten sich die fünf Olympischen Ringe entfalten sollen, doch einer der Sterne versagte seinen Dienst.“ Dabei waren in den drei Milliarden nicht einmal die russischen Fernsehzuschauer enthalten, wie Welt.de klarzustellen glaubte: „Im Gegensatz zu den 40.000 Menschen im Fischt-Stadion und den drei Milliarden an den Bildschirmen weltweit, sahen die Fernsehzuschauer des flächengrößten Landes der Erde nicht, wie eine stilisierte Schneeflocke geschlossen blieb.“ Das russische Staatsfernsehen hatte doch glatt „ein Bild von den Proben hineinmontiert“.

Es ist schon erstaunlich, dass Redakteure in deutschen Leitmedien völlig unreflektiert mit Milliarden nur so um sich werfen, vor allem wenn es um Superlative im Sport geht. Es bedarf nun wirklich keiner ausgiebigen wissenschaftlichen Analyse – sondern nur etwas Logik um zu erkennen, dass die Eröffnungsfeier in Sotschi keinesfalls von drei Milliarden Fernsehzuschauern verfolgt werden konnte – das wären immerhin knapp 42 Prozent der Gesamtbevölkerung von 7,2 Milliarden, die die Erde nach Angaben der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung am Jahresende 2013 hatte.

Gemessen an dieser gewaltigen Quote sind wir Deutschen regelrechte Olympiamuffel. Hierzulande hatten immerhin 8,99 Millionen Zuschauer am Freitagnachmittag das ZDF – und damit Putins PR-Show – eingeschaltet. Auch wenn der Olympia-Auftakt aus Sicht des Mediendienstes DWDL „prächtig für die Mainzer“ verlief, waren es letztlich doch nur etwa 10 Prozent aller Deutschen, die zusahen.

Ähnlich groß wie in Deutschland war am vergangenen Freitag auch das Interesse der us-amerikanischen Fernsehzuschauer am Olympia-Start. Dort haben laut Quotenmeter rund 31,7 Millionen Menschen die von NBC übertragenen Bilder aus Sotschi gesehen. Das sind etwas mehr als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung der USA. Unter Berücksichtigung der ermittelten Werte für Deutschland und die USA, fehlen also „nur“ noch 2,96 Milliarden, um auf die kolportierte weltweite Zuschauerzahl von drei Milliarden zu kommen. Vielleicht waren ja die Chinesen eifrige Olympia-Fans? Die hätten allerdings mitten in der Nacht aufstehen müssen, um an ihren Fernsehgeräten gebannt mitzuerleben, wie Wladimir Putin um 2:16 Uhr Pekinger Ortszeit im fernen Sotschi die 22. Olympischen Winterspiele für eröffnet erklärte. Vermutlich war das wohl nicht der Fall. Auch in Bangladesch, Peru, Zimbawe und anderswo dürfte sich das Interesse an dem Spektakel in Sotschi wohl in Grenzen gehalten haben; mal vorausgesetzt, dass Menschen dort überhaupt Zugang zum Fernsehen haben.

Top