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Mit „Bild“ wird der Ausbruch erst schön

1. Dezember 2009 | Wie das Zentralorgan vieler Deutscher den Gewaltverbrecher Michael Heckhoff zum Superstar macht.

Als ich in der Nacht zum 1. Juli 1992 an einer eilig einberufenen und improvisierten Pressekonferenz des nordrhein-westfälischen Justizministeriums in Dortmund teilnahm, stockte mir – und ebenso den anderen anwesenden Journalisten – der Atem über das, was Gefängnisleitung, Polizei- und Justizvertreter zu berichten hatten. In der Krankenstation der Justizvollzugsanstalt Werl hatten an diesem Tag zwei Schwerverbrecher den Zahnarzt, drei Sprechstundenhelferinnen und mehrere Vollzugsbedienstete als Geiseln genommen.

Erst nachdem das SEK Dortmund nach 13 Stunden die Geiselnahme gewaltsam beendet hatte, wurde das Ausmaß der Brutalität der Gangster deutlich: Sie hatten zwei ihrer Opfer mit Waschbenzin übergossen und einfach angezündet. Einer dieser Unmenschen, von denen ich dachte, dass sie nie wieder in Freiheit kämen, ist Michael Heckhoff.

Der inzwischen 50-Jährige Schwerstverbrecher ist am Dienstag „Aufmacher“ in „Bild“. Im Zentralorgan vieler Deutscher darf er ungehindert „alle Details der Flucht“ gemeinsam mit seinem – inzwischen ebenfalls festgenommenen Kumpanen – Paul Michalski aus der Justizvollzugsanstalt Aachen am vergangenen Donnerstagabend und die Zeit bis zu seiner eigenen Festnahme am Sonntagvormittag schildern. „Bild“ macht den Schwerstverbrecher zum Superstar: „Der Ausbrecher packt aus!“. Die Flucht eines üblen Geiselgangsters liest sich wie der Bericht nach einem pauschal gebuchten Erlebnisurlaub:

„…Auf einmal waren wir frei! Vor der JVA waren Dutzende von Kameras auf uns gerichtet. Sogar mit Bewegungsmeldern, die uns heranzoomten. Ich sagte zu Paul: Wink mal, damit die sehen, dass wir weg sind.“ …. „Dann sind wir nach Köln gefahren. Da sind wir erst mal auf den Weihnachtsmarkt. Wir haben uns in einer Pommesbude Pommes und Sprudel gekauft..“ … „Der Paul könnte nie einem was tun. Wir haben auch ausgemacht, dass wir niemanden verletzten.“

Angeblich hat Geiselgangster Heckhoff nach seiner Festnahme mit „Bild“ gesprochen, so wird zumindest auf der Titelseite am Dienstag suggeriert. Die Kölner Polizei geht allerdings davon aus, „dass in dem Artikel Informationen verarbeitet sind, die unbefugt an die BILD-Zeitung gelangten. Ein entsprechendes Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet“, heißt es in einer am Morgen verbreiteten kurzen Pressemitteilung.

Von der juristischen Würdigung dieses Falls einmal abgesehen, ist die unreflektierte Veröffentlichung der Schilderung eines Schwerstverbrechers ein erneuter Tiefpunkt in der ohnehin schon unrühmlichen Reihe der journalistischen Fehltritte. „Bild“ hat sich damit erneut auf das Niveau der Berichterstattung über das „Gladbecker Geiseldrama“ im Jahr 1988 begeben. Noch schlimmer – erneut wird „Bild“ mit dieser „Geschichte“ von vielen anderen Medien zitiert. Und kaum jemand fragt bislang, wie das Blatt überhaupt an die Aussagen des Gangsters gelangt ist.

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