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Mein Gott, Walter

Die Chef-Plaudertasche der Deutschen Bank hält die Deutschen für „unmündig“ aber nicht für „blöd“. Anmerkungen zu Norbert Walter, dem viele Medien allzu gern vertrauen.

Norbert Walter in der BR-Sendung M?nchner Runde am 14. Juli 2009 – Screenshot

15. Juli 2009. | Norbert Walter gibt wieder Interviews und nimmt häufiger an TV-Talkrunden teil. In den Monaten zuvor, als die Finanz- und Bankenkrise akut geworden war und in den Mittelpunkt der Medienberichterstattung rückte, hatte sich der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank eher bedeckt gehalten. Was hätte er in den Medien auch zum Besten geben sollen? Dass er die Finanzpleiten vorausgesagt habe? Hatte er nicht. Dass die von ihm so häufig gescholtenen Gewerkschaften Schuld an der Finanz- und Wirtschaftskrise seien? Sind sie nicht. Verantwortlich für das Finanzchaos sind raffgierige und zugleich unfähige Bankmanager.

Immerhin hatte Walter selbst im April 2008 ein „Versagen auf der ganzen Linie“ seiner Zunft eingeräumt, als er in einem Interview mit „Deutsche Welle TV“ angesichts der seinerzeit immer mehr ausufernden Finanz- und Bankenpleiten eingestand: „Wir waren alle offenkundig nicht in der Lage, die Risiken, die mit diesen Geschäften verbunden waren, richtig einzuschätzen und sind nun in diese Krise geschlittert.“

Macht nichts, kann ja mal passieren. Nur zwei Monate später wurde Prof. Dr. Norbert Walter im Juni 2008 von der Finanzberatungsgesellschaft Plansecur als „Vordenker 2008“ ausgezeichnet und damit gleichzeitig „für sein Lebenswerk geehrt.“ In der „Urteilsbegründung“ hieß es dazu:

„Seit Jahrzehnten gestaltet er den Diskurs um einen zukunftsorientierten Wirtschafts- und Lebensraum Deutschland maßgeblich mit und setzt besonders für mehr Nachhaltigkeit und Ethik in der Finanzwirtschaft Zeichen.“

Inzwischen ist Walter wieder ganz oben auf und blickt sogar recht optimistisch in die wirtschaftliche Zukunft: „Die Saison der Abwärtsrevision der Prognosen ist vorüber. Der Pessimismus hat sich ausgetobt. Jetzt, da die Republik in die Sommerferien geht, stabilisieren sich Klimaindikatoren, und harte Fakten für die Konjunktur zeigen eine Bodenbildung“, schrieb er am 12. Juli in einem Beitrag für „Welt Online“.

Solche Phrasen ist man von Norbert Walter seit Jahren gewohnt. Kaum ein Redakteur hat jemals überprüft, ob seine Prognosen letztlich zutrafen und viele als Journalisten getarnte Mikrofonhalter haben wohl gar nicht verstanden, was Walter in seinen Statements so alles zusammenfabuliert. Nicht der Inhalt der Aussagen zählt, sondern die Person, die sie macht – und das ist nun einmal der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank.

Weil er neuerdings so viel Zuversicht verbreitet, durfte der Ökonom am Dienstagabend in der „Münchner Runde“ des Bayerischen Fernsehen mal wieder mitreden. In der Talkrunde diskutierte Norbert Walter mit Bayerns Ex-Ministerpräsident Günter Beckstein, dem ehemaligen Wirtschaftsminister Günter Clement und der scheidenden taz-Chefredakteurin Baka Mischa zum Thema „Es geht wieder aufwärts. Doch für wen?“ Dabei ging es auch um die – umstrittene – Rentengarantie der Bundesregierung. Die öffentliche Kritik von SPD-Finanzminister Peer Steinbrück an der Kabinettsentscheidung hält Walter für richtig, aber angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl für politisch nicht klug, weil…

„Unsere Bürger sind nicht mündig. Sie haben das mehrfach bewiesen. Das ist sehr schade, ich wünsche mir das anders.“ Zwischenfrage von Moderatorin Ursula Heller: „Wieso sind die Bürger nicht mündig?“ Norbert Walter: „Die Bürger möchten beschenkt werden.“ Nachfrage von Ursula Heller: „Meinen Sie, die Bürger glauben das?“ Norbert Walter: „Es gibt mehr Bürger, die das hoffen und glauben und sie möchten schon gar nicht mehr klar gesagt bekommen, dass es nicht mehr so gut geht. Die harten, klaren Fakten sind etwas, was nicht kommunizierbar ist. Wenn Leute gegen hohe Lohnnebenkosten sind und für die Schuldenbremse, da ruft diese ganze Nation ‚Hurra‘. Wenn jemand sagt, ‚wir müssen den Jahresurlaub verkürzen, um die Lohnnebenkosten zu senken‘, ist er der Buhmann der Nation. Und so ist das natürlich auch bei den Altersrenten. Niemand redet darüber, dass die Rentner, die heute arm dran sind, Frauen im Westen, denen etwas zu nehmen. Wir reden darüber, dass wir eine nominale Rentengarantie für alle aussprechen – das war der Inhalt des Kabinettsbeschlusses. Und dies war nicht klug.“

Vor allem war diese Aussage von Walter nicht klug, wie kurz darauf Bascha Mika zu recht anmerkte:

„Ich finde, das ist das typische, billige Argument unserer Eliten – dazu zähle ich auch uns Journalisten, wir machen das auch gerne so – die Bevölkerung, die Bürger und Bürgerinnen für blöd zu halten…“ Einwurf Walter: „Ich halte die nicht für blöd, sondern für träumerisch…“ Bascha Mika: „…und dass sie belogen werden wollen, dass man ihnen nicht die Wahrheit sagen kann. Ich finde das eine ziemliche Arroganz, weil ich glaube das stimmt so überhaupt nicht. Wenn Lobbyisten aus der Wirtschaft hingehen und fordern, sie wollen bestimmte Unternehmenssteuersenkungen, dann halten Sie das für völlig legitim und sagen auch nicht ‚die träumen‘. Aber wenn ein Durchschnittsverdiener sagt ‚ich möchte, dass meine Rente sicher ist‘, dann sagen Sie ‚das ist Träumerei'“. Norbert Walter: „Wenn Sie mich lesen, nachlesen, werden Sie feststellen, dass ich so etwas nicht formuliert habe.“

Mein Gott, Walter – wo denn?

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