Medien

Max Schrems und die deutschen Leitmedien

8. Oktober 2015 | Wie es Max Schrems in den vermeintlich „sicheren Datenhafen“ schaffte, ist seit dem am Dienstag vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) verkündeten „Safe-Harbor-Urteil“ hinlänglich bekannt – wie es der Wiener Jurist vor vier Jahren in deutsche Leitmedien schaffte dagegen kaum. | UPDATE: Reaktion von Max Schrems – am Ende diese Blogeintrags |Titelbild: Ausschnitt aus Screenshot Tagesschau, 20.00 Uhr, 6. Oktober 2015.]

Schrems-Snowden-Twitter
Tweet von Edward Snowden nach Verkündung des EuGH-Urteils

Am Dienstag dieser Woche stand Max Schrems im Mittelpunkt des Medieninteresses. Vorbei an der Flüchtlingskrise in Deutschland, russischen Luftangriffen auf Gegner des syrischen Diktators Assad oder verheerenden Regenfällen an der US-Ostküste wurde der Wiener Jurist zurecht zum Aufmacher in Nachrichtensendungen, Newsportalen und tags darauf in Tageszeitungen rund um den Globus. Sogar NSA-Whistleblower Edward Snowden meldete sich aus Moskau per Twitter mit einem Glückwunsch: „Congratulations, @MaxSchrems. You’ve changed the world for the better.“

Video-Interview von Richard Gutjahr mit Max Schrems - zuerst veröffentlicht am 25. September 2011 auf Gutjahr's Blog
Video-Interview von Richard Gutjahr mit Max Schrems – zuerst veröffentlicht am 25. September 2011 in Gutjahr’s Blog

Vor vier Jahren hatte sich Max Schrems im Video-Interview, das Richard Gutjahr in seinem Blog am 25. September 2011 veröffentlichte, noch über das geringe öffentliche Interesse an seiner Initiative Europe vs. Facebook gewundert. Immerhin hatte sich der damals 23jährige Jurastudent aus Wien ausgerechnet Facebook als Gegner ausgesucht. Schrems forderte mehr Transparenz von dem Internetgiganten, verbunden mit der Möglichkeit, Fotos oder Texte, die bei Facebook eingestellt wurden, unwiederbringlich löschen zu können. Dass Facebook vermeintlich von den Nutzern gelöschte Einträge tatsächlich weiter aufbewahrt, konnte Max Schrems seinerzeit mittels einer PDF-Datei beweisen, in der auf rund 1.200 DIN-A4-Seiten Datenmaterial aus seiner damals dreijährigen Mitgliedschaft bei Facebook enthalten waren. Schrems war nach eigenen Angaben erst nach einigem hin und her an die Daten gelangt.

Bild: eigene Darstellung mit Material aus Gutjahr's Blog, Bild, ARD, ZDF, Der Spiegel und Focus
Bild: eigene Darstellung mit Material aus Gutjahr’s Blog, Bild, ARD, ZDF, Der Spiegel und Focus

Mit seinem Blogeintrag und dem auch bei YouTube verbreiteten Interview mit Max Schrems löste Richard Gutjahr nach eigener Einschätzung eine „mediale Kettenreaktion“ aus, in der einmal mehr die BILD-Zeitung zum entscheidenden Glied wurde: Nachdem „Europas auflagenstärkste Tageszeitung“ vier Tage nach Gutjahrs Veröffentlichung den „Skandal bei facebook“ auf der Titelseite verkündet hatte, mussten auch die anderen deutschen Leitmedien mitziehen – von den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen über Medienmagazine bis hin zu Spiegel und Focus. Getreu dem Motto: Wenn’s BILD auf dem Titel hat, wird’s schon wichtig sein. Vorher hatte sich fast niemand für Max Schrems Initiative und auch nicht für die Datenkrake Facebook interessiert.

Schrems-Twitter
Mit einem Twitter-Eintrag als Reaktion auf diesen Blogpost hat Max Schrems inzwischen das „Leitmedien-Phänomen“ in seinem Fall bestätigt.

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