Medien

Kleinkrieg ums Digitalradio

Am Donnerstag dieser Woche will der private Rundfunkverband VPRT auf seiner Mitgliederversammlung „DAB plus“ eine Absage erteilen. Die kleinere Arbeitsgemeinschaft privater Rundfunk (APR) und die öffentlich-rechtlichen Anstalten setzen dagegen auf den neuen Digitalradiostandard.

24. Juni 2009 | Im Herbst 1997 hatte Walter Fischer (Name geändert) Losglück. Bei den Medientagen München gewann der damalige Zeitungsmanager ein digitales Autoradio. Bei der Preisübergabe wurde ihm geraten, das Gerät möglichst schnell in sein Auto einbauen zu lassen, denn das digitale Zeitalter im Radio würde jetzt beginnen. Die Vorteile des Digital Audio Broadcast (DAB) lägen auf der Hand: Bessere Empfangsqualität, größere Programmvielfalt und nützliche Zusatzfunktionen. Fischers Gewinn landete jedoch auf dem Speicher. Da ist der Empfänger bestens aufgehoben, weil das digitale Radiozeitalter auf sich warten ließ – bis heute.

Jetzt, fast 12 Jahre später verfügen nach einer Erhebung im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) gerade mal 2,2 Prozent der Haushalte im Freistaat über digitale Empfangsgeräte. Eine technische Revolution sieht anders aus. Die Gründe für diese – nennen wir es mal – zurückhaltende Entwicklung liegen auf der Hand: Radiohörer fühlen sich durch UKW bestens versorgt. Wer mehr und vor allem alternative Angebote empfangen will, wechselt inzwischen ins Internet. Weil kaum Kunden für die immer noch teuren digitalen Empfänger in Sicht sind, hält sich die Geräteindustrie zurück. Und weil so kaum jemand Radio digital empfängt, haben vor allem private Sender ihre Beteiligungen an Versuchsprojekten vielfach wieder eingestellt.

Hinzu kommt noch ein Wirrwarr durch unterschiedliche technische Standards. Neben DAB wurden weitere digitale Verbreitungswege wie DVB-T, DVB-H und die so genannte digitale Mittelwelle DRM getestet und zumeist wieder verworfen. Jetzt soll DAB plus als neuer digitaler Standard für den deutschen Hörfunk etabliert werden, zumindest wenn es nach dem Willen der meisten öffentlich-rechtlichen Anstalten geht. Auch die Arbeitsgemeinschaft privater Rundfunk (APR) geht davon aus: „Die Zukunft des Hörfunks ist digital.“

Deren Vorsitzender Felix Kovac hatte sich in der vergangenen Woche per Pressemitteilung in einen Streit zwischen dem wesentlich größeren Radioverband VPRT und führenden öffentlich-rechtlichen Radiomachern eingeschaltet, der schon zum verbalen Kleinkrieg eskaliert war. ARD und VPRT zocken ums Digitalradio Hans-Dieter Hillmoth, Vizepräsident des VPRT, hatte schon im Februar per Pressemitteilung gegen die Digitalisierungspläne gewettert: „Es würde mich wundern, wenn das klappen würde – denn längst spielt die Radio-Musik im Internet.“

Seitdem lässt der Geschäftsführer des hessischen „Hit-Radio FFH“ kaum eine Gelegenheit aus, DAB plus verbal zu beerdigen. Der ARD, die 30 Millionen Euro in den Ausbau des digitalen terrestrischen Übertragungsweges investieren will, warf Hillmoth in der vergangenen Woche in einem Interview mit dem Medienfachblatt „Kontakter“ vor: „Hier soll das Geld der Gebührenzahler verzockt werden.“ Damit reagierte der einflussreiche Radiomanager seinerseits auf Kritik aus dem öffentlich-rechtlichen Lager.

Der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust hatte auf der Mitgliederversammlung der öffentlich-rechtlichen Anstalten in Bremen geäußert: „Die Einschätzung von Hillmoth, dass es keine vernünftigen Geschäftsmodelle gibt, ist nicht richtig.“ Bernhard Hermann, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission, legte nach: „Mit einer Absage an DAB plus würde der VPRT die Zukunft des Radios verzocken.“

Während auf der gebührenfinanzierten Radioseite weitgehende Einigkeit in Sachen Digitalisierung zu herrschen scheint – zumindest im Hinblick auf öffentlich verbreitete Äußerungen, gehen bei führenden Privatfunkern die Meinungen deutlich auseinander. Hillmoths Kollege Erwin Linnenbach, Geschäftsführer der Radiobeteiligungsgesellschaft Regiocast, forderte Ende Mai im turi2-TV-Interview sogar „aus dem Konjunkturpaket II nicht nur Straßen oder Schienennetze zu finanzieren, sondern den Sendernetzaufbau im Band III für digitalen, terrestrischen H?rfunk aufzubauen.“

Was zunächst wie ein verbaler Vorstoß a la Uli Hoeneß (in Sachen Gebührenzuschlag für Bundesligaspiele im Free-TV) wirkte, steht in anderen Ländern ernsthaft zur Diskussion. In Großbritannien wird wohl die BBC nicht umhinkönnen, Gebührengelder auch für den Ausbau digitaler Übertragungskapazitäten privater Radiosender einzusetzen. Dort hatten Betreiber von Privatstationen immer wieder angekündigt, aus dem Digitalradio ganz auszusteigen, weil die Finanzierung für sie nicht machbar sei.

Mag sein, dass die Strategie der britischen Kollegen Vorbildfunktion für Hans-Dieter Hillmoth und andere Privatfunker in Deutschland hat. Ob es sich für Walter Fischer eines Tages doch noch lohnen wird, das vor knapp 12 Jahren gewonnene digitale Autoradio vom Speicher zu holen, bleibt zunächst weiter offen.

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