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„Kleiner Bruder für das Arbeitsgerät“

27. Mai 2010 | Am Freitagmorgen startet in Deutschland offiziell der Verkauf des iPad. Richard Gutjahr, Münchner Journalist, erklärter Apple-Fan und weltweit erster Käufer des „Tablet“ hat immer noch Spaß an Steve Jobs‘ „magischem und revolutionärem Gerät“ – allerdings mit einigen Einschränkungen.

Was denn nun – soll ich mich mit dem iPad näher beschäftigen, oder besser die Finger von dem „Tablet“ lassen? Kurz vor dem offiziellen Verkaufsstart in Deutschland habe ich bei Richard Gutjahr nachgefragt. Schließlich hat er das Gerät schon acht Wochen lang ausprobiert. Sie erinnern sich vermutlich: Der Journalist und TV-Moderator war am 3. April weltweit der erste Kunde, der das iPad in Apples Flagstore an der 5th Avenue in New York in Empfang nehmen durfte.

blogmedien: Richard, du hast dich in New York zum Verkaufsstart des iPad in die Schlange gestellt. Hat sich der Aufwand im Hinblick auf das Gerät für dich wirklich gelohnt?

Richard Gutjahr: Ja, unbedingt. Anders als bei vielen etablierten Produkten wusste beim iPad keiner vorher, wozu er es eigentlich braucht. Es ging um eine völlig neue Gattung von Geräten und die Frage, ob es Apple gelingen würde, einen neuen Markt zu (er)finden und dann auch zu erschließen. Niemand, nicht einmal die großen Player hatten die Chance, das Gerät vorab zu testen. Die Erwartungen waren groß, und ich kann heute sagen, sie wurden erfällt.

blogmedien: In den USA gilt das iPad bislang als Verkaufsschlager. Es gibt aber auch eine Reihe von kritischen, ja sogar offen ablehnenden Stimmen gegen das Tablet. Jeff Jarvis hat sein Gerät demonstrativ wieder eingepackt und zurückgeschickt.? War das ein reiner PR-Gag des Internet-Gurus oder kannst du die Aktion sachlich nachvollziehen?

Richard Gutjahr: Ich hatte mir mal überlegt, ob ich auf Jarvis Video antworten sollte, in dem ich ihn vor laufender Kamera bei Twitter entfollowe. Das war mir dann aber doch zu billig. Jeff Jarvis macht einen ganz großen Fehler: Dieses Gerät richtet sich eben NICHT an Technik-Begeisterte, an Medienschaffende oder Menschen, die, wie Jarvis, mit einem Nexus und einem iPhone parallel hantieren. Es richtet sich an Leute, die Angst vor Technik haben und die nicht wissen (wollen), was ein USB-Stick ist. Die entscheidende Frage lautet also nicht: Was kann das Gerät alles – sondern: Worauf verzichtet es, um die Dinge nicht zu komplizieren.

blogmedien: Du hast das iPad jetzt seit fast acht Wochen. Benutzt du es auch noch gelegentlich – und wofür?

Richard Gutjahr: Als Technik-Fan (so wie Jarvis) musste auch ich mich erst mal an die Limitierungen des Gerätes gewöhnen. Es ist eben NICHT dazu da, um damit zu arbeiten, mit PDFs, Powerpoint-Folien oder Filmen zu jonglieren. Wer das will, steckt sein Geld lieber in ein ordentliches Laptop. Es ist eine gigantische Medien-Konsum-Maschine. Surfen, Lesen, Videos schauen, Spiele spielen – das alles macht so viel mehr Spaß, als auf dem Laptop oder am PC! Häufigster Einsatzort: Auf der Couch parallel zum Fernsehen und auf Reisen.

blogmedien: Nenne uns doch bitte mal jeweils die Top 3 Stärken und Schwächen des iPad!

Richard Gutjahr: Die Batterieleistung ist der Hammer: Zehn bis zwölf Stunden Video – das hat noch kein Gerät vorher geschafft. Überhaupt alles Grafische: Fotos, Filme, Bilder. Gerade die optischen Medien profitieren unheimlich von dem Gerät. Weiterer Pluspunkt: Spiele. Durch das iPad habe ich meine Liebe zu Brettspielen wieder entdeckt. Ich kann zum Beispiel gar nicht mehr aufhören, zu scrabbeln. Das Gute: die Steine fliegen nicht ständig vom Tisch und man erspart sich das lästige Aufbauen bzw. Abräumen. Negativ: es ersetzt nicht das Laptop. Daten auf das Gerät zu kopieren und wieder auszuspielen, das ist nur über Umwege möglich, dafür ist das Gerät einfach ungeeignet. Zweiter Negativ-Punkt: es liegt schlecht in der Hand. Ich habe noch immer Schwierigkeiten, die richtige Position zu finden, um das iPad eine längere Zeit zu halten. Das Gewicht macht die Sache nicht einfacher. Auch als Lesegerät kann ich es nur bedingt empfehlen. Das Display spiegelt enorm und bei Sonnenlicht erkennt man fast nichts mehr.

blogmedien: Wer sollte ab Freitag das iPad kaufen – und wer kann darauf verzichten?

Richard Gutjahr: Klare Kaufempfehlung für Technikfreunde, die schon ein gutes Laptop haben, quasi als kleiner Bruder zum Arbeitsgerät. Klare Kaufempfehlung auch für alle diejenigen, die neben dem Fernsehen gerne mal ins Internet gehen oder in der Küche schnell mal ein Kochrezept googeln wollen. Auch für Leute, die viel unterwegs sind (ich spreche da aus eigener Erfahrung), ist das Gerät allein schon wegen der langen Akkulaufzeit sein Geld wert. Warten sollten noch alle diejenigen, die wie ich darauf spekulieren, dass es im Herbst ein Nachfolgemodell mit eingebauter Kamera geben wird. Verzichten sollten alle, die ein Allround-Gerät brauchen und damit arbeiten wollen. Mein Fazit: Das Gerät kann weniger als andere Geräte – was es aber kann, das kann es so viel besser als die Konkurrenz.

Hinweis: Das Interview wurde per E-Mail geführt.