Medien

Kein erneutes „Tal der Ahnungslosen“

13. September 2011 | Weil Radiosender und Hörer wenig Lust auf technische Veränderungen haben, muss die sächsische Staatsregierung in Sachen UKW-Abschaltung jetzt hochnotpeinlich „zurückrudern“.

Gerade aus den Ferien zurückgekehrt freue ich mich darüber, dass „meine“ Medienstudenten einmal mehr einen Beitrag mit News- und Gesprächswert auf der von mir verantworteten Website „medienMITTWEIDA“ veröffentlicht haben. Am Dienstag berichtete Sandra Müllentin, dass in Sachsen die „Ausnahmegenehmigung“ für die Ausstrahlung von UKW-Programmen wohl doch (zunächst) bis zum Jahr 2025 verlängert wird. Der Geschäftsführer der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM), Martin Deitenbeck, hält inzwischen die bislang geplante Abschaltung der UKW-Frequenzen im Freistaat zum 31. Dezember 2014 für „unrealistisch“.

Allerdings senden die UKW-Programme in Sachsen bereits seit eineinhalb Jahren mit einer Art Ausnahmegenehmigung. Schließlich hatte der Freistaat in seinem 2009 novellierten Privatrundfunkgesetz voreilig festgeschrieben:

Spätestens ab dem 1. Januar 2010 erfolgt die Übertragung von Rundfunkprogrammen und vergleichbaren Telemedien in Sachsen ausschließlich in digitaler Technik. In Abweichung von Satz 1 dürfen Hörfunkprogramme im UKW-Band sowie Rundfunkprogramme und vergleichbare Telemedien in Kabelanlagen bis zum Ablauf des 31. Dezember 2014 weiter in analoger Technik übertragen werden.

Anfang 2009 war die sächsische Staatsregierung auch noch fest entschlossen, die vollständige Digitalisierung des Freistaats bis zur Mitte des Jahrzehnts durchzusetzen. Warum? „Weil das so seit zehn Jahren politischer Wille ist“, sagte seinerzeit Jens-Ole Schröder, der für Medien zuständige Referatsleiter in der sächsischen Staatskanzlei, gegenüber blogmedien.

Dabei hatte Sachsens Staatsregierung wohl die Rechnung ohne die Radiosender und deren Hörer gemacht. Jetzt muss der Freistaat hochnotpeinlich zurückrudern, um eine vollständige Blamage noch abzuwenden. Jahrelang hatte man Warnungen im Hinblick auf das gesetzliche Vorpreschen in Sachen Digitalisierung weitgehend ignoriert. Zu den schärfsten Kritikern gehört seit langem der jetzt scheidende MDR-Intendant Udo Reiter. Seine ablehnende Haltung gegenüber dem Digitalradio begründete er zuletzt in einem Video-Interview mit medienMITTWEIDA im Juni dieses Jahres:

„Es gab immer wieder Anläufe zum digitalen Radio. Bisher waren sie alle total erfolglos. Und zwar hängt das nach meiner Einschätzung damit zusammen, dass die Leute mit der UKW-Übertragung völlig zufrieden sind. Digitales Radio bringt demgegenüber kaum einen Mehrwert, der die Leute wirklich interessiert. Deshalb sehe ich das mit großer Skepsis, dass da 2014 auch nur irgendwas abgeschaltet wird. Ich glaube, dass uns UKW noch eine ganze Weile begleiten wird.“

Damit dürfte Udo Reiter Recht behalten. Der am 1. August bundesweit gestartete Multiplex DAB+, als digitales Nachfolgesystem für den analogen UKW-Hörfunk, brachte bislang den Veranstaltern vor allem allerlei Ärger ein, weil die digitale Verbreitung in einigen Gebieten den Fernsehempfang über analoge Kabelanlagen zum Teil empfindlich störte. Zudem unken Gegner der Digitalisierung bereits, dass es ohnehin mehr Sender als Hörer gebe. Tatsächlich werden zurzeit zwölf digitale Hörfunkprogramme zwar bundesweit, jedoch längst nicht flächendeckend verbreitet. Über die Zahl der erreichten Hörer liegen bislang noch keine Angaben vor.

Besonders peinlich gestaltete sich der Sprung ins digitale Radiozeitalter im Land der vermeintlichen Pioniere. In Sachsen hatte sich im vergangenen Jahr kein Bewerber für die Verbreitung von Radioprogrammen auf einem landesweiten Multiplex für DAB+ gefunden. Die Landesmedienanstalt will nun in diesem Herbst eine zweite Ausschreibung starten.

Vordringlicher ist allerdings, dass zunächst das sächsische Privatrundfunkgesetz im Hinblick auf die dort festgeschriebene UKW-Abschaltung Ende 2014 geändert wird. Andernfalls droht der Freistaat im Hinblick auf die Radioversorgung zum „Tal der Ahnungslosen“ zu werden. Viele Sachsen kennen den Begriff noch aus der Zeit als in Dresden und anderswo der Empfang des Westfernsehens technisch bedingt unmöglich war.