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Jetzt habe ich Angst vor dem „System Guttenberg“

22. Februar 2011 | Ein System, das Blendwerk in den Mittelpunkt hebt, fundiertes Wissen, Ehrlichkeit, Redlichkeit und auch Menschlichkeit zu Gunsten von Einfluss und Macht jedoch immer mehr verkommen lässt.

Vermutlich gehöre ich zu denjenigen, die sich bis zum Wochenende über die Betrügereien des Dr. Guttenberg [1][2] bei seiner Dissertation eher amüsiert – als besorgt gezeigt haben. Am Freitag hatte ich noch Mitleid mit den Machern der „heute-Show“, weil ich es für unmöglich hielt, dass die Autoren der ZDF-Satiresendung die Realität noch toppen könnten: Die Versetzung des eigenen Doktortitels in den zeitweiligen Ruhestand oder die Entdeckung, dass Dr. Guttenbergs Opa vor 40 Jahren ein Buch veröffentlicht hatte, ausgerechnet mit dem Titel „Fußnoten“.

Oliver Welke und seine Leute haben die Herausforderung am Freitagabend dennoch ganz passabel gemeistert: „Schummel cum laude“. Noch besser scheint es jedoch dem Protagonisten selbst zu gelingen, sich aus der Affäre zu ziehen. Schon am Samstag hatte der Politik-Wissenschaftler Professor Gerd Langguth von der Universität Bonn in „Bild“ vorausgesagt, dass der „CSU-Star“ durch die Affäre sogar an Format und Profil gewinnen könne:

„Deshalb kommt es jetzt darauf an, dass Guttenberg nicht den Kopf einzieht, sondern die Sache durchsteht – unabhängig davon, wie am Ende die juristische und wissenschaftliche Bewertung seiner Doktorarbeit aussieht.“

Tatsächlich kommt es für Dr. Guttenberg und seine Hinterleute – von Merkel bis Seehofer – auch überhaupt nicht mehr darauf an, dass er beim Verfassen seiner Dissertation vielfach betrogen – und nach Aufdeckung der Plagiate die Öffentlichkeit schamlos belogen hat. Der Adelsmann hat am Montagabend während einer CDU-Wahlkampfveranstaltung im hessischen Kelkheim unter – nach Medienberichten – tosendem Beifall der Anwesenden einfach auf seinen akademischen Titel verzichtet. Ein wohl einmaliges Ansinnen. Zumindest habe ich bei meinen „Google-Recherchen“ keinen Beleg dafür gefunden, dass jemals ein Akademiker freiwillig seinen Doktortitel zurückgeben wollte, weil ihm/ihr im Nachhinein Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der eigenen Arbeit gekommen waren.

Dr. Guttenberg kann – und darf offenbar alles, was bislang entweder politisch und wissenschaftlich tabu war oder zumindest von der breiten Öffentlichkeit geächtet wurde: Blenden, betrügen, lügen, Doktortitel vorrübergehend stilllegen und bei Bedarf einfach zurückgeben. Und die Deutschen stehen überwiegend fest an seiner Seite, da kann eine breite Medienfront von „ARD“, über „Frankfurter Allgemeine“ „Spiegel“, „Stern“ bis zum „ZDF“ berichten, was sie will: Nach Umfragen im Auftrag von „Focus“ und „Report München“ lehnen mehr als zwei Drittel der Deutschen seinen Rücktritt ab.

Auch im Internet scheint der Verteidigungsminister inzwischen die Mehrheit hinter sich zu haben. Zwar wurde nach Bekanntwerden der Schummeleien zunächst vor allem bei „Twitter“ heftig diskutiert, geschimpft und reichlich gelästert: „Karl Theodor mit den Scherenhänden“. Längst haben sich jedoch ganze Bataillone von Dr. Guttenberg-Unterstützern bei „Facebook“ formiert und fordern die Beendigung der „Hetzjagd“ wegen „Fehlern, die wir doch alle mal machen.“ Ich habe viele dieser Pro-Dr. Guttenberg-Einträge gelesen und nicht ein Argument gefunden, das den Minister irgendwie entlasten könnte, die Redakteure von „FAZ.net“ ebenfalls nicht. Dass quasi „nebenan“ im „GuttenPlag Wiki“ immer mehr Belege für Schummeleien und Täuschungen bei der Dissertation nachgewiesen werden, spielt für die Unterstützer des politischen Superstars ohnehin keine Rolle.

Während in Nordafrika viele Menschen unter Lebensgefahr gegen ihre Diktatoren aufbegehren und sie aus dem Land jagen, scheint es fast so, als sehne sich ein Teil der Deutschen nach einem Despoten. Offene Proteste gegen Dr. Guttenberg und diejenigen, die ihn unterstützen – allen voran die Kanzlerin – sind nicht erkennbar. Es ist wohl auch nicht davon auszugehen, dass sich wütende – aber friedliche – Demonstranten vor dem Berliner Reichstag einfinden werden, wenn sich Dr. Guttenberg in dieser Woche im Bundestag den Fragen der Opposition stellen muss.

Ich habe inzwischen den vermeintlichen Spaß am „Doktor der Reserve“ („Der Spiegel“, 8/2011, Seite 20) längst verloren. Vielmehr habe ich Angst davor, dass sich das „System Dr. Guttenberg“ immer mehr durchsetzen wird. Ein System, das Blendwerk in den Mittelpunkt hebt, fundiertes Wissen, Ehrlichkeit, Redlichkeit und auch Menschlichkeit zu Gunsten von Einfluss und Macht jedoch immer mehr verkommen lässt. Wie ich das meiner 12Jährigen Tochter, die ausgerechnet das Gymnasium besucht, an dem Dr. Guttenberg sein Abitur machte, erklären soll, weiß ich nicht.

[1] Bei Veröffentlichung dieses Blogeintrags hatte die zuständige Kommission der Universität Bayreuth Dr. Karl Theodor zu Guttenberg den akademischen Titel (noch) nicht aberkannt.

[2] Die Promotionskommission an der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth hat am 23. Februar Karl Theodor zu Guttenberg den Doktortitel aberkannt.