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Jauchs Partyservice für „Das Erste“

16. April 2010 | Das ist schon fast eine öffentlich-rechtliche Bankrotterklärung: Die ARD-Anstalten schafften es nicht, die „große Geburtstagsshow zum Sechzigsten“ selbst zu produzieren. Das gebührenfinanzierte „Qualitätsfernsehen“ wird längst von Fremdproduktionen dominiert.

Kopfschütteln oder betretenes Schweigen bei öffentlich-rechtlichen Programmmachern und Presseleuten, wenn man in diesen Tagen ganz naiv die Frage stellt, warum sich die ARD von Günther Jauchs Produktionsgesellschaft I&U TV GmbH ihren 60. Geburtstag im „Ersten“ zelebrieren lässt. Immerhin werden laut dem zuletzt veröffentlichten Bericht der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) mehr als 20.000 Mitarbeiter in den neun Anstalten des öffentlichen Rechts beschäftigt – was überwiegend wir Gebührenzahler mit immerhin knapp 1,5 Milliarden Euro pro Jahr finanzieren. Unter diesen zumeist ganz auskömmlich honorierten Anstaltsinsassen sollten doch zumindest einige kreative Köpfe zu finden sein, die so eine Geburtstagsfete im Fernsehen ordentlich ausgestalten könnten.

Von wegen. „Das können Sie getrost vergessen“, sagt mir ein Fernsehproduzent, den ich telefonisch befrage, weil die Pressestelle des „Ersten“ hartnäckig jede Auskunft verweigert. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten seien überhaupt nicht mehr in der Lage, so eine „große Geburtstagsshow“ zu produzieren. Dafür gebe es ja schließlich „uns“, meint mein Gesprächspartner mit großem Selbstbewusstsein und verweist noch darauf, dass Günther Jauchs Produktionsfirma I&U TV GmbH, mit Sitz in Köln, ohnehin bereits Erfahrung in der Ausrichtung von „Fernsehgeburtstagen“ habe. Im Januar 2004 wurde an zwei aufeinanderfolgenden Samstagen „20 Jahre RTL“ gefeiert. Das hat quotenmäßig recht ordentlich geklappt. Warum sollte also die ARD dieses vermeintliche Erfolgsmodell für ihren 60. Geburtstag nicht gleich übernehmen? Wegen der Fußball-Weltmeisterschaft wird das Anstaltsjubiläum ohnehin knapp zwei Monate vor dem eigentlichen Termin bereits in dieser Woche gefeiert. Offizieller Gründungstag der ARD war der 10. Juni 1950.

Zu „20 Jahre RTL“ begrüßte seinerzeit Oliver Geissen „unter anderem Günther Jauch und Thomas Gottschalk“ als Gäste. Im „Ersten“ übernahm jetzt Reinhold Beckmann die Rolle des Grußonkels, die beiden „Stargäste“ sind dieselben. Diese und weitere Parallelen zwischen den Jubiläumsshows von RTL und ARD sind vermutlich ebenfalls kein Zufall. „Jauchs Partyservice“ weiß offenbar, was Programmverantwortliche zum Geburtstag auf ihren Bildschirmen sehen wollen: „die emotionalsten Momente, die größten Stars, die beliebtesten Sendungen.“ Irgendeine Mischung also aus Talk und nostalgischen Rückblicken aus einer Zeit, in der das Programm in den Anstalten noch weitgehend selbst gestaltet – und nicht nur verwaltet wurde.

Alfred Biolek gilt als Pionier des „Programm Outsourcings“ im Deutschen Fernsehen. Er produzierte seine Sendungen bereits auf „eigene Rechnung“ noch bevor ab Mitte der 1980er Jahre die private Konkurrenz nach und nach die bundesdeutschen Bildschirme eroberte und den etablierten Öffentlich-Rechtlichen nicht nur Marktanteile, sondern auch so manchen TV-Star abnahm: Thomas Gottschalk wechselte zeitweise von den Mainzelmännern zu RTL. Günther Jauch blieb vorerst ganz bei den Kölnern und Harald Schmidt verließ damals die ARD, um bei Sat.1 die erste regelmäßige Late-Night-Show im Deutschen Fernsehen über Jahre zu etablieren, bevor er mit eigener Show und Produktionsfirma zu den Öffentlich-Rechtlichen zurückkehrte.

Aus dem öffentlich-behördlichen Angestelltendasein ausgestiegen

Wer populär genug war und dazu auch noch von konkurrierenden TV-Sendern umworben wurde, durfte von nun an seine Sendungen weitgehend in eigener Regie gestalten: sowohl inhaltlich als auch wirtschaftlich. Deutsche TV-Stars wurden zu Medienunternehmern oder zumindest Teilhaber von Produktionsgesellschaften. Ab Ende der 1990er Jahre folgten dann auch Moderatoren wie Sabine Christiansen im „Ersten“. „Kaum jemand, der im gebührenfinanzierten Fernsehen in der ersten Moderationsreihe steht, ist heutzutage noch beim Sender angestellt“, resümierte im November 2005 „epd-Medien„, nachdem auch Frank Plasberg „aus dem öffentlich-behördlichen Angestelltendasein ausgestiegen“ war. Seitdem produziert er mit seiner Firma „Ansager und Schnipselmann“ die wöchentliche Reihe „Hart aber fair“ für den WDR zur Ausstrahlung im „Ersten“.

Für die öffentlich-rechtlichen Anstalten ist es wesentlich günstiger, komplette Produktionen sendefertig zu übernehmen, statt Shows, Talkrunden, aber auch Dokumentationen und Reportagen, selbst herzustellen. Externe Firmen sparen vor allem Personalkosten, weil sie auch Aushilfskräfte und Praktikanten einsetzen können, während die Sendeanstalten bei eigenen Produktionen vor allem auf tarifgebundene Mitarbeiter zurückgreifen müssen. Der Programmdirektor des „Ersten“, Volker Herres, zeigte während einer Medientagung im bayerischen Tutzing sogar unkonventionelle Wege der Öffentlich-Rechtlichen auf, mit denen angeblich Kosten für Produktionen gespart werden. „Das Erste“ zeige nur deshalb so viele Filme, die in Südafrika gedreht werden, weil dort selbst gut ausgebildete Kameraleute zu günstigen Tarifen engagiert werden könnten, erklärte er den sichtlich verdutzten Tagungsteilnehmern im vergangenen Dezember am Starnberger See.

Als Folge des vermeintlichen Kostenmanagements sank der selbstproduzierte Programmanteil bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, je nach Anstalt, auf nur noch 20 bis 30 Prozent. Das sei allerdings eine falsche Entwicklung, meint unter anderem der „Polit-Blogger“ Albrecht Müller. „Die Auslagerung der Produktion von Sendungen wie Talkshows und Dokumentationen in eigene Produktionsgesellschaften“ müsse beendet werden, mahnte Müller in seinem Mitte 2009 erschienenen Buch „Meinungsmache“:  „Wenn solche für die Willensbildung relevanten Beiträge vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesendet werden, müssen sie auch in dessen tatsächlicher Verantwortung stehen, nicht nur formal.“

Tatsächlich liegt die Verantwortung für fremdproduzierte Sendungen „formal“ bei Redakteuren der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Die inhaltliche Gestaltung wird jedoch weitgehend den Produktionsgesellschaften überlassen. „Wir legen den Redaktionen komplette Konzepte vor“, verrät der TV-Produzent am Telefon – und die würden „nur selten und geringfügig modifiziert.“ Mit anderen Worten – das angeblich öffentlich-rechtliche Qualitätsprogramm stammt zum überwiegenden Teil von Produktionsgesellschaften, die genauso Privatsender mit ähnlichen Sendungen beliefern.

Die Sendeanstalten werden dagegen immer mehr zu Verwaltungseinrichtungen, in denen häufig nicht einmal die Kontrolle der fremdproduzierten Inhalte funktioniert, wie Reinhold Beckmanns erfolgreicher Einsatz für den Versicherungskonzern „WWK“ im „Ersten“ oder Andrea Kiewels Schleichwerbung für die Weight Watchers bei „Kerner“ (damals ZDF) beispielhaft zeigen. Doch statt nach solchen Verfehlungen den beteiligten Produktionsfirmen die Aufträge zu entziehen und die Protagonisten zu feuern, versuchen die Sendeanstalten in der Regel Schleichwerbereien zu bagatellisieren und Betrügereien an den Zuschauern als Lappalien abzutun.

Inzwischen ist es für öffentlich-rechtliche Fernsehleute durchaus zur Normalität geworden, dass sie ihr Programm zwar verwalten, jedoch immer weniger selbst gestalten. Da bleibt dann auch die Kreativität auf der Strecke, längst nicht nur beim MDR. Dessen Intendant Udo Reiter sah sich im vergangenen Herbst gar genötigt, zu einem „Kreativwettbewerb im eigenen Haus“ aufzurufen, damit seine Drei-Länder-Anstalt nicht eines Tages den Privaten hoffnungslos hinterhersendet. Ziel sei es vor allem, „mutige Sendungen zu entwickeln und damit auch die Zuschauerschaft des MDR Fernsehens behutsam zu verjüngen“, sagte Reiter seinerzeit im Interview mit medien-mittweida.

Vorerst verlassen sich die ARD-Intendanten jedoch lieber auf die Kreativität externer Produzenten. So wie im ersten Teil der ziemlich mittelmäßigen Show zum 60. Geburtstag am Donnerstagabend. Da stellt sich die Frage, ob wir uns das in dieser Form auch noch zum 70. Geburtstag leisten wollen.