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Hurra, es stand in „Bild“

Die Berichterstattung über Nebenverdienste von TV-Moderatoren ist ein Paradebeispiel für den immer mehr um sich greifenden „Hurra-Journalismus“ in Deutschland. Erst als „Bild“ die „Enthüllungen“ des NDR-Medienmagazins „Zapp“ zur Titelgeschichte machte, wurden die Nebenjobs von Buhrow, Kleber und Co. auch Thema für viele andere Medien.

Titel in „Bild“ am 19.Juni 2009

21. Juni 2009 | Kurz bevor Kuno Haberbusch Mitte Juli die Redaktionsleitung von „Zapp“ abgeben wird, hat der knurrige Vollblutjournalist noch einmal für große Aufregung gesorgt. In der Ausgabe am vergangenen Mittwoch berichtete das NDR-Medienmagazin über die Nebenverdienste von Moderatoren des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und lieferte damit eine Steilvorlage für „Bild“. Weil das Zentralorgan der Deutschen offenbar gerade keine Seitensprünge von Politikern, Penisbrüche von Pop-Titanen oder andere „Bild“-typische Aufmacher zur Hand hatte, prangte „So kassieren TV-Moderatoren ab!“ auf dem Titel der Freitagsausgabe. Dank „Bild“ wurde die vergleichsweise seichte „Zapp“-Geschichte plötzlich zum Thema für viele andere Medien – von „Süddeutsche“ über „Spiegel Online“, „Stern.de“ bis zu vielen Regionalzeitungen.

Zuvor hatte kaum jemand Notiz von dem am späten Mittwochabend ausgestrahlten „Zapp“-Beitrag genommen, obwohl dieser schon im Vorweg auf der Website des Medienmagazins angekündigt worden war. Nicht der vermeintliche Skandal um die Nebenverdienste von ohnehin gut bezahlten öffentlich-rechtlichen TV-Leuten sorgte für die breite anschließende Berichterstattung, sondern die Tatsache, dass sich das Leitmedium „Bild“ der Sache an exponierter Stelle – nämlich auf der Titelseite – angenommen hatte.

Das ist geradezu ein Paradebeispiel für den immer breiter um sich greifenden „Hurra-Journalismus“ in Deutschland. Frei nach dem Motto: Wenn’s der „Spiegel“ schreibt, die „Tagesschau“ sendet oder gar „Bild“ als Aufmacher bringt, wird die Sache schon wichtig sein, da können wir uns eigene Recherchen gleich ersparen. So auch im Fall der aktuellen vermeintlichen „Enthüllungen“ von „Zapp“.

In keinem der „nachgedrehten“ Berichte wurde beispielsweise der Frage nachgegangen, warum das NDR-Medienmagazin ausgerechnet die Nachrichtenmoderatoren Tom Buhrow („Tagesthemen“), Claus Kleber („heute journal“) und Petra Gerster („heute“) sowie Peter Hahne aus dem ZDF-Hauptstadtstudio, die ARD-„Börsenexpertin“ Anja Kohl oder den SWR-Sportchef Michael Antwerpes ins Visier genommen hatte – andere prominente öffentlich-rechtliche Nebenverdienstler allerdings verschonte.

Leifs Plausch mit prominenten Wirtschaftsleuten Thomas Leif mit Hubertine Underberg-Ruder bei der Veranstaltung am 12. November 2008 – Screenshot PNP-TV

Wie beispielsweise Thomas Leif. Der Chefreporter Fernsehen beim Südwestrundfunk, der sich als Vorsitzender der Journalistenvereinigung „Netzwerk Recherche“ für die Glaubwürdigkeit seiner Zunft mächtig ins Zeug legt, diskutierte am 12. November des vergangenen Jahres im Passauer Medienzentrum mit prominenten Wirtschaftsleuten wie dem Lufthansa CEO Wolfgang Mayrhuber zum Thema „Unternehmen, Globalisierung, Neue Märkte“. Veranstalter der Diskussionsrunde war der Verlag der „Passauer Neuen Presse“.

Es wäre sicherlich interessant gewesen von Leif zu erfahren, warum er sich ausgerechnet von dem Unternehmen anheuern ließ, das nach Erkenntnissen des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) Tarifverträge für Redakteure unterläuft, weil Redaktionen in Tochterunternehmen ausgelagert wurden. Im Gegensatz zu Buhrow und Co., die sich in „Zapp“ nicht äußern wollten, wäre Thomas Leif geradezu in der Pflicht gewesen, die Gründe für seine öffentliche Plauderei mit den Wirtschaftsgrößen im Auftrag der „Passauer Neuen Presse“ gegenüber den Kollegen des Medienmagazins offenzulegen.

Schlie?lich kennt man sich gut. Leif tritt in „Zapp“-Beiträgen regelmäßig als Experte auf – zuletzt am 10. Juni als es um „verdeckte PR“ bei der Deutschen Bahn ging. Doch Thomas Leif wurde in der „Enthüllung“ genauso verschont wie „Zapp“-Moderatorin Inka Schneider, die vorsichtshalber in ihrer An-Moderation zum Beitrag selbst einräumte: „Nebenjobs von Moderatoren, eine echte Gratwanderung. Fast jeder macht es – auch ich. Doch nicht immer ist es unproblematisch.“

Vermutlich ging diese Selbstbezichtigung der „Zapp“-Frontfrau wohl doch zu weit. In dem auf der Website des Medienmagazins veö?ffentlichten Moderationstext heißt es zu Beginn plötzlich deutlich abgemildert: „Jeder, der wie ich hier vor der Kamera steht, bekommt Angebote Fachtagungen, Preisverleihungen oder Firmenveranstaltungen zu moderieren.“ Inka Schneider sagt zu solchen Offerten zumindest nicht nein und „moderiert ausgewählte Veranstaltungen – Podiumsdiskussionen, Tagungen und Kongresse“. Auf ihrer persönlichen Website sind auch Auftraggeber beispielhaft aufgeführt: „Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, die Körberstiftung, die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und verschiedene Ministerien.“ Das ist aus ihrer Sicht „okay wenn – und das ist entscheidend – Aufwand und Veranstaltungshonorar im Verh?ltnis stehen und wenn der Nebenjob nicht mit der Berichterstattung kollidiert“.

Also, bei Schneider und Leif „unproblematisch“, bei Buhrow und anderen an den Pranger gestellten TV-Leuten jedoch nicht? Im Prinzip nicht okay finden „Zapp“-Redakteure so genannte Presserabatte für Journalisten und widmeten diesem heiklen Thema den zweiten Beitrag in der Sendung am vergangenen Mittwoch. Journalisten profitieren regelmäßig von vergünstigten Flug- und Hotelpreisen, Sonderrabatten beim Auto- oder Elektronikkauf und Spezialtarifen von Telefonanbietern. Der Grund für die Preiszugeständnisse ist nachvollziehbar: Die Rabatte sollen eine möglichst günstige Berichterstattung für Unternehmen und über deren Produkte oder Dienstleistungen befördern. „Bild“ und andere haben das ihren Lesern aber lieber vorenthalten – wohl aus guten Gründen.

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