Medien

„Großer Tummelplatz für das Radio“

5. März 2010 | Deutschlands Hörfunker haben das mobile Internet als zusätzlichen Verbreitungsweg für ihre Programme entdeckt. Viele Sender bieten inzwischen Applikationen für Smartphones an, die weit mehr können, als nur Radiosendungen zu übertragen.

Als Hans-Dieter Hillmoth am 15. November 1989 mit „Radio FFH“ auf Sendung ging, war die Radiowelt noch überschaubar. Der hessische Privatsender strahlte ein populäres Programm aus, das sich bald gegen den vermeintlich übermächtigen Hessischen Rundfunk durchsetzte und zum Marktführer zwischen Kassel und Viernheim wurde. Heute ist der Radiomann Herr über 25 Programme, wovon allerdings lediglich drei terrestrisch über UKW verbreitet werden: Neben „Hit Radio FFH“ sind das der Jugendsender „Planet Radio“ (Sendestart 1997) und die Oldiewelle „Harmony fm“ (seit 2003). Die anderen Kanäle hat Hillmoth speziell für die Verbreitung im Internet konzipieren lassen. Dabei reicht das Angebot von „Top 40“ über „Rock over Germany“ und „Schlagerkult“ bis zu einem Kinder- und Comedy-Kanal.

Das Engagement des Radiomanagers für die Verbreitung seiner Programme über das World Wide Web kommt nicht von ungefähr. Hans-Dieter Hillmoth, der auch Vizepräsident des einflussreichen Privatrundfunkverbands „VPRT“ ist, glaubt nicht an die „Wiedergeburt“ des Digitalradios DAB. Er sieht die Zukunft seines Mediums vor allem im Internet: „Das ist ein groer Tummelplatz für das Radio.“ Und das, obwohl die Webradio-Nutzer bislang einen eher bescheidenen Anteil an der Gesamthörerschaft ausmachen: Während „FFH“, „Planet“ und „Harmony“ zusammen täglich über 2,4 Millionen Hörer erreichen, werden die drei Programme plus der 22 zusätzlichen Kanäle nach Hillmoths Angaben lediglich 1,3 Millionen mal über das Internet abgerufen – pro Monat. Der Anteil der Webradio-Hörer liegt demnach bei knapp zwei Prozent, wobei die Verweildauer mit durchschnittlich etwa einer Stunde auch deutlich unter denen der UKW-Hörer – mit etwa drei Stunden – liegt.

Neue Impulse durch „iPhone“ und Co.

Neue Impulse erhoffen sich Hillmoth und viele seiner Radio-Kollegen derweil durch die zunehmende Verbreitung des so genannten mobilen Internets. Bis Ende dieses Jahres wird nach Einschätzung des Telekommunikationsverbandes „BITKOM“ der Anteil der internetfähigen Smartphones in Deutschland auf 40 Prozent aller mobilen Telefone steigen. Mit Apples „iPhone“, „Blackberry“, „Nokia“ und anderen Modellen können auch Webradios empfangen werden, vorausgesetzt es besteht eine Internetverbindung über W-Lan oder den Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G), der hohe Datenübertragungsraten zulässt. Vor allem in ländlichen Gebieten bestehen allerdings noch reichlich Versorgungslücken, woran auch noch für einige Jahre die flächendeckende Verbreitung des mobilen Webradios scheitern dürfte.

Manche Sender sind allerdings schon heute auf die Verbreitung ihrer Programme auch über Smartphones angewiesen, weil ihnen keine – oder nur eingeschränkte terrestrische Übertragungskapazitäten zur Verfügung stehen. Dazu gehört beispielsweise „MDR-Sputnik“. Die Jugendwelle des Mitteldeutschen Rundfunks ist nur in Teilen Sachsen-Anhalts über UKW zu empfangen. Programmchef Eric Markuse und sein Team gehören unter Deutschlands Radiomachern deswegen zu den Pionieren bei der Erschließung des mobilen Internets. Bereits im November 2008 lancierte „Sputnik“ als eines der ersten Hörfunkprogramme eine Applikation über Apples „App-Store“. Mit Hilfe einer solchen Software lassen sich Inhalte von Internetseiten speziell für den Einsatz auf den kleinen Displays von mobilen Endgeräten aufbereiten. Die Nutzer können mit diesen Apps komfortabel im mobilen Angebot der Sender navigieren, das laufende Programm hören, auf Web-Kanäle mit speziellen Musikangeboten umschalten, Nachrichten lesen, Serviceinformationen abrufen und sogar Fotostrecken oder Videos betrachten.

Die „kleine Entwicklerbude“ von „MDR Sputnik“

Ein Jahr nach der ersten Applikation veröffentlichte „Sputnik“ im November 2009 mit dem „iPhone-App 2“ eine neue Version der Software mit der sogar Live-Übertragungen in guter Bild- und Tonqualität möglich sind. Ende Januar übertrug die Jugendwelle ein Studiokonzert mit der Hamburger Indie-Rockgruppe „Tocotronic“, das nach Angaben von Eric Markuse rund 40.000 mal abgerufen wurde. Mit sichtlichem Stolz verweist der Programmchef darauf, dass die Applikationen von seinen Mitarbeitern „in Eigenleistung programmiert – und dafür keine Gebührengelder verschwendet“ wurden: „Meine kleine Entwicklerbude hat diesen Fortschritt erst möglich gemacht.“

Vor allzu vielen „technischen Spielereien“ bei der Entwicklung von Applikationen für Smartphones warnt dagegen Christoph Kruse von „90elf“. „Unsere Nutzer wollen vor allem die Übertragungen der Spiele ihrer Mannschaften hören und die notwendigen Zusatzinformationen erhalten“, weiß der Prokurist und Projektmanager von „Deutschlands erstem Fußballradio“, das die Begegnungen der 1. und 2. Bundesligen einzeln und als Konferenzschaltungen live – fast ausschließlich über das Internet – sendet. Lediglich im Raum Leipzig ist der Spartensender innerhalb eines Versuchsprojekts auch über DAB+ zu empfangen. Ansonsten wird „90elf“ über die eigene Website und über die Internetseiten anderer Sender – wie zum Beispiel „Hit Radio FFH“ – verbreitet. Zudem kann das Fußballradio mit Hilfe von „Widgets“ sogar in Facebook-Profilen sowie in privaten Weblogs und Homepages eingebunden werden. Vor einem Jahr brachte „90elf“ in Kooperation mit dem Gerätehersteller „TerraTec“ einen Internetradio-Empfänger auf den Markt, der speziell für die Programmangebote des Fußballradios ausgelegt ist.

Erste kostenpflichtige Applikation eines Radiosenders

Dennoch setzt auch „90elf“ zunehmend auf die Verbreitung seiner Fußballübertragungen über das mobile Internet. Nach Angaben von Christoph Kruse empfangen inzwischen rund 20 Prozent der Hörer das Fußballradio per Smartphone. Über Apples App-Store wurden nach seinen Angaben bislang 180.000 Applikationen von „90elf“ heruntergeladen. Neue Wege geht das Tochterunternehmen der Radioholding „Regiocast“, indem es seit Ende Dezember als erster Hörfunksender in Deutschland eine kostenpflichtige Software für Nokia-Handys anbietet. Nach einer 30tägigen Testphase kann die Applikation für einmalig 2,99 Euro erworben werden. Mit der Nachfrage sei man bislang durchaus zufrieden, meint Projektmanager Kruse.

Zurückhaltender in Sachen kostenpflichtige Applikationen ist da noch „FFH“-Chef Hans-Dieter Hillmoth: „Natürlich haben wir auch schon daran gedacht. Allerdings können wir nicht einschätzen, wie viel Abnehmer wir damit gefunden hätten.“ Immerhin wurden nach seinen Angaben bislang rund 470.000 Apps von „Hit Radio FFH“ sowie der beiden kleineren Sender „Planet“ und „Harmony“ allein für das iPhone heruntergeladen, allerdings zum Nulltarif für die Nutzer. Welche Applikationen überhaupt im App-Store zur Verfügung gestellt werden, entscheidet allein Apple. Dabei werden nicht nur technische Belange geprüft, sondern durchaus auch Inhalte. In den vergangenen Wochen soll das kalifornische Hard- und Software-Unternehmen bis zu 6.000 Programme aus seinem Angebot entfernt haben, zumeist wegen angeblich zu freizügiger sexueller Darstellungen.

Noch keine Probleme mit der „Apple-Zensur“

Während der Axel Springer Verlag bei der eigenen kostenpflichtigen „Bild“-Applikation bereits um den weiteren Einsatz des „Girls zum Schütteln“ fürchten muss, haben Deutschlands Radiomacher mit der so genannten „Apple-Zensur“ bislang noch keine Probleme. Schließlich enthalten die meisten Radio-Applikationen neben den eigenen Webradiostreams vorwiegend programmbegleitende Informationen, Nachrichten und Serviceinformationen. Aufwendigere Inhalte wie Videoreportagen, Interviews und Filmkritiken, die „MDR-Sputnik“ seinen Nutzern zur Verfügung stellt, oder Live-Bilder von neuralgischen Verkehrsknotenpunkten, wie bei „Hit Radio FFH“, sind dagegen noch die Ausnahme.

Angesichts der hohen Kosten für die Verbreitung von Inhalten über das Internet, ist die Zurückhaltung mancher Sender kaum verwunderlich. „FFH“-Chef Hans-Dieter Hillmoth hat errechnet, dass es fünfmal teuerer ist, einen Hörer über das „Netz“ zu erreichen, als über die herkömmliche Ultrakurzwelle. Dazu kommen Programmierkosten für Websites und Applikationen sowie für die zum Teil personalintensive Aufbereitung der Inhalte. Ob und wann mit dem mobilen Internet dagegen zusätzliche Erlöse für die Sender zu erzielen sind, mag auch der erfahrene Radiomann Hillmoth nicht prognostizieren.

Radiomanager wollen nichts verpassen

Dass sich dennoch so viele Sender bereits im mobilen Internet „tummeln“, könnte auch daran liegen, dass „kein Radiomanager etwas verpassen will“, meint Ulrich Köring. Der frühere RTL-Moderator und Betreiber der Website „Radioszene“ sieht allerdings angesichts der großen Konkurrenz auf den Smartphones auch „deutliche Gefahren“ für die Hörfunker: „Auf UKW haben es die Sender mit höchstens 15 bis 30 Konkurrenten zu tun, auf dem iPhone mit Zigtausenden.“ Tatsächlich werden über den App-Store von Apple inzwischen etwa 150.000 Applikationen angeboten, insgesamt dürfte die Zahl der Programme für alle Smartphones nach Expertenschätzungen bei weit über 200.000 liegen.

Neben unzähligen Webradios zählt Köring auch Nachrichtenseiten oder Videoportale zu den direkten Wettbewerbern für die Radiomacher. Zudem kann sich heutzutage jeder Smartphone-Nutzer sein eigenes Musikprogramm über gespeicherte Dateien selbst zusammenstellen. „Ich höre, lese oder sehe auf dem iPhone Nachrichten, wann ich will, erhalte Verkehrsinformationen, wenn ich sie brauche und höre genau die Musik, die ich persönlich bevorzuge“, argumentiert Ulrich Köring. Das könne ein herkömmliches Radioprogramm einfach nicht leisten.

Hoffen auf das Google-Nexus

Vanessa Vos, Sprecherin der Softwareschmiede „Tobit“, ist davon überzeugt, dass Radio vor allem dann eine Zukunft im Internet hat, wenn es den Machern gelingt, ihre Programme so aufzubereiten, dass Hörer die Inhalte zeitlich unabhängig nutzen können. Das Unternehmen aus Ahaus im Münsterland entwickelt schon seit Jahren Software mit der beispielsweise Webradiostreams aufgenommen -, von den Nutzern neu zusammengestellt – und „zeitsouverän“ angehört werden können. Mit dem Programm „Radio.fx“, das in der Basisversion kostfrei zur Verfügung steht, können bis zu vier Webradios gleichzeitig empfangen, aufgezeichnet und bearbeitet werden. Dazu werden zusätzliche Informationen wie Songtexte und grafische Elemente wie Alben-Cover zur Verfügung gestellt. Die Erfahrungen des Unternehmens nutzen inzwischen auch mehrere öffentlich-rechtliche Anstalten bei der Verbreitung ihrer Angebote über das mobile Internet. Zu den „Tobit“-Kunden gehören inzwischen neben dem WDR auch der NDR und der Bayerische Rundfunk.

Allerdings sieht Vanessa Vos mobile Endgeräte wie das „iPhone“ zurzeit noch als „Nische“: „Anders als man vielleicht vermuten könnte, wird Internet-Radio nicht vornehmlich mit speziellen Geräten empfangen. Heute sprechen wir von nicht einmal einer Million iPhones am deutschen Markt, denen 30 Millionenhaushalte mit PCs gegenüberstehen.“ Neue Impulse bei der mobilen Nutzung erwartet sie indes von der bevorstehenden Einführung des „Google-Nexus“ in Deutschland. Auch „Sputnik“-Chef Eric Markuse geht davon aus, dass neue – und vor allem preisgünstigere – Endgeräte den „nächsten Schub“ für das mobile Internet und damit auch für das Radio bringen werden.