Medien

Ganz schön beKLOPPt

16. April 2015 | Ginge es nach Deutschlands Leitmedien, dann wäre der angekündigte Rücktritt des Dortmunder Trainers Jürgen Klopp das wichtigste Ereignis in dieser Woche. Für die taz sind 400 Menschenleben wichtiger.

400 tote Flüchtlinge im Mittelmeer, die heftig umstrittene Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung in Deutschland oder Googles massiver Ärger mit der EU. Selbst Bayerns 1:3-Schlappe beim FC Porto wurde in dieser Woche zur Nebensache für die meisten deutschen Medien, nur weil Jürgen Klopp am Mittwoch im “richtigen Moment” (Die Welt) seinen “starken Abgang beim BVB” (Bild) zelebrierte. Folgt man Bild.de steht Dortmund seitdem unter “Klopp-Schock”.

Die Mainzelmänner machten den “Hammer des Tages” am Mittwochabend zum Aufmacher aller ihrer heute-Sendungen und am Donnerstag gleich auch noch zum “Top Thema” des Morgenmagazins. Die meisten Tageszeitungen, darunter auch Qualitätsblätter wie die Süddeutsche Zeitung, hievten Bilder des traurig dreinschauenden Fußballlehrers auf ihre Titelseiten. Private Fernsehsender, allen voran RTL, bastelten in aller Eile journalistisch völlig verunglückte Nachrufe auf den Dortmunder Fußball- und Volkshelden zusammen.  Ob dessen Demission wirklich so “logisch” und vollends freiwillig war, wie es auch die ortsansässigen Westfälischen Nachrichten kommentieren, hat offenbar niemand ernsthaft hinterfragt. Deutschlands Sportjournalisten waren in den vergangenen Tagen schließlich damit beschäftigt, Klopp ausgiebig zu würdigen und nicht etwa in Frage zu stellen.

Zum Glück verzichtete die ARD diesmal auf ein unsägliches Sportschau-Extra – so wie nach Klinsmanns Rausschmiss bei Bayern München vor sechs Jahren. Selbst die Tagesschau mochte sich der verbreiteten Abschiedseuphorie nicht so recht anschließen. In der 20 Uhr-Ausgabe mussten Klopp-Anhänger fast zwölf Minuten auf ihr Idol warten. In der “Mutter aller Nachrichtensendungen” wurde dem scheidenden Fußballtrainer der Platz zugewiesen, der ihm auch zusteht: Nach den wichtigten Nachrichten des Tages, fast am Ende der Sendung. Danach folgte nur noch eine Meldung über den erneuten Trainerwechsel beim HSV. Bruno Labbadia wird ohnehin nicht so lange im Amt bleiben, wie Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund. Das waren immerhin sieben Jahre.

Wie unangemessen und aufgebauscht die Berichterstattung über den Trainer-Rücktritt war, führte die taz-Redaktion am Donnerstag den Berufskollegen in Deutschlands Leitmedien vor: Über die gesamte Titelseite der Tageszeitung erschien eine Todesanzeige mit dem Text:

400 Menschen – gestorben am 12. April 2015. Plötzlich und leider erwartbar ist vor der Küste Libyens erneut ein Flüchtlingsschiff untergegangen. Weniger als 150 der circa 550 Insassen wurden gerettet. Die Redaktion der taz

Auf den Titelseiten von Bild & Co. stand für dieses Thema kein Platz zur Verfügung.