Medien

Es geht nicht um Oliver Kahn oder Mehmet Scholl…

…sondern um die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ein paar Anmerkungen zum Realitätsverlust in den von uns zwangsfinanzierten Anstalten. | Titelbild: ZDF-Moderator Oliver Welke mit den Experten Sebastian Kehl (links) und Oliver Kahn – obs/ZDF/Eliot Blondet

30. Juni 2016 | „Über zehn Millionen Fußballfans sahen im Schnitt die 15 EM-Gruppenspiele im ZDF“, jubelten die Mainzelmänner vor einer Woche via Pressemitteilung. Der große Zuspruch für die TV-Übertragungen der EM-Spiele im Ersten und Zweiten ist allerdings wohl eher mit dem weitgehenden Monopol der Öffentlich-Rechtlichen bei der Fußball-Europameisterschaft zu begründen als mit dem Einsatz von Oliver Kahn, Mehmet Scholl und Co. Das „Rahmenprogramm“ zu den Spielen nutzen TV-Zuschauer erfahrungsgemäß ohnehin eher für den Biernachschub oder zum Wasserlassen und ärgern sich darüber hinaus nicht selten über die „endlosen Sabbeleien“. Dennoch gab’s Lob von ZDF-Chefredakteur Peter Frey für die Experten „Unser Team mit Olli und Olli − Welke und Kahn, mit Holger Stanislawski, Simon Rolfes und Sebastian Kehl schlägt sich gut.“

Die öffentlich-rechtliche Fußballwelt könnte also heiler kaum sein, wenn sich da nicht Störenfriede von kress pro“ in der aktuellen Ausgabe des „Magazins für Führungskräfte bei Medien“ über die Höhe der Honorare ausgelassen hätten, die Mehmet Scholl und Oliver Kahn für ihre vermeintlichen Expertisen von ARD bzw. ZDF erhalten: Laut „kress“ sollen das 50.000 Euro pro Sendung sein. Oliver Kahn reagierte empört via Facebook und bezeichnete den von kress NEWS“ in Auszügen verbreiteten Beitrag als „eine eklatante Falschmeldung, die jeglicher Grundlage entbehrt“ und behielt sich zudem „rechtliche Schritte gegen Kress.de“ vor. Seitens der ARD meldete sich Sportkoordinator Axel Balkausky per Pressemitteilung am Dienstag zu Wort: „Es gleicht beinahe schon vorsätzlicher Bösartigkeit, welche Zahlen auch hier im Zusammenhang mit dem Expertenvertrag von Mehmet Scholl geschrieben und vervielfältigt werden.“ 

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Thomas „Gottschalk Live“ im Frühjahr 2012 | Bild: Das Erste / Gottschalk Live

Was an der Geschichte allerdings so „bösartig“ sein soll, wollen uns weder Balkausky noch andere Granden der öffentlich-rechtlichen Anstalten verraten: „Generell werden wir uns zu vertraglichen Inhalten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht äußern,“ ließ der ARD-Sportkoordinator nur knapp wissen. Soll heißen – wofür die öffentlich-rechtlichen Anstalten die zwangsweise erhobenen Beiträge in welcher Höhe einsetzen, hat die Zahler verdammt nochmal nicht zu interessieren. Diese bornierte Haltung ist nicht neu. Denken wir nur zurück an den unglaublichen Skandal um Showrentner Thomas Gottschalk, der „Millionen fürs Däumchendrehen“ erhielt, wie Medienjournalist Hans Hoff  in der Süddeutschen Zeitung zurecht kritisierte. Die ARD-Vorabendreihe „Gottschalk Live“ wurde wegen „nachhaltiger Erfolglosigkeit“ (Hoff) im Juni 2012 nach nur 70 von 144 fest geplanten Folgen eingestellt. Gottschalk bekam dennoch das Honorar für alle Sendungen,  wie der WDR seinerzeit  in einer Pressemitteilung kleinlaut einräumen musste: „Vereinbart wurde im Produktionsvertrag vielmehr, dass Thomas Gottschalk bei einem vorzeitigen Ende des Formats im Rahmen des für ‚Gottschalk live‘ vereinbarten Honorars und des vereinbarten Vertragszeitraums bis Ende 2012 für die Moderation von anderen Shows ohne zusätzliches Honorar zur Verfügung steht.“ 

Wie üblich in solchen Fällen äußerte sich auch seinerzeit der in Sachen „Gottschalk Pleite Live“ federführende WDR nicht „zu konkreten Summen„. Wenn allerdings bekennende Beitragsverweigerer der Aufforderung  des Gerichtsvollziehers nach einer Vermögensaufstellung nicht nachkommen, könnte das im Gefängnis enden. So wie es eine 46-Jährige aus dem thüringischen Gera erfahren musste, die in diesem Frühjahr insgesamt  61 Tage in Erzwingungshaft im Frauengefängnis der JVA Chemnitz einsaß und darüber hinaus auch noch ihre Arbeitsstelle verlor. Erst nachdem Die Welt und andere Medien diesen – tatsächlichen – Skandal öffentlich gemacht hatten, zog der MDR seinen Antrag auf Erlass eines Haftbefehls zurück. Gründe für den plötzlichen Sinneswandel wurden von der Rundfunkanstalt nicht verbreitet. Ganz nach dem Motto: ‚Was wir hier machen und wie wir entscheiden, hat die Öffentlichkeit gefälligst nicht zu interessieren.“

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MDR-Intendantin und ARD-Vorsitzende Karola Wille | Bild: MDR/Martin Jehnichen

Was das alles mit einer „umfassenden Transparenz im wirtschaftlichen und journalistischen Handeln“ gemein hat, so wie es – die von mir persönlich sehr geschätzte – Karola Wille in ihren Leitgedanken für den ARD-Vorsitz des MDR 2016 erst im Mai propagierte, bleibt wohl ein öffentlich-rechtliches Geheimnis; ähnlich der Honorare für Gottschalk, Scholl, Kahn und all die  anderen Nichtschlechtverdiener bei ARD und ZDF. Vielleicht bringt ja Oliver Kahn mit einer Klage gegen Kress doch noch Licht ins öffentlich-rechtliche Dunkel. Für die Mitarbeiter des Mediendienstes dürfte der allumfassende Hinweis „Hunde, die laut bellen, beißen nicht“ im Hinblick auf den früheren „Torwart-Titan“ kaum beruhigend sein.

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