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Endlich was Eigenes!

31.Mai 2013 | Persönliche Erinnerungen an den Sendestart von Antenne MV vor 20 Jahren.

“Hier ist Antenne MV – der erste landesweite Privatsender in Mecklenburg-Vorpommern. Ab jetzt senden wir täglich 24 Stunden lang. Mein Name ist Peter Kranz. Ich wünsche Ihnen einen schönen Pfingstmontag – und vor allem guten Empfang.” 

Peter Kranz machte diese erste Ansage zum Sendestart von Antenne MV am 31. Mai 1993 um 12.00 Uhr. Für mich ist das bis heute einer der wichtigsten Augenblicke in meinem Berufsleben. Drei Monate zuvor war ich bei einem Treffen der Gesellschafter – eher zufällig – zum Geschäftsführer und Programmdirektor des ersten Privatsenders in Mecklenburg-Vorpommern berufen worden. Es folgten knapp sechs Jahre, die ich nicht missen möchte und die zur intensivsten Zeit in meiner langen Berufslaufbahn zählen.

Bei Antenne MV haben wir damals einiges anders gemacht, als die meisten anderen Privatradios zu jener Zeit: Statt den Fokus auf die „größten Hits der 70er, 80er und 90er“ zu legen, stand unter dem Motto “Endlich was Eigenes!” die Berichterstattung aus dem eigenen Verbreitungsgebiet im Mittelpunkt unseres Programms. Aus heutiger Sicht erscheint das fast unglaublich: Zum Sendestart wurden drei Außenstudios in Rostock, Neubrandenburg und Stralsund in Betrieb genommen, die allesamt mit – verdammt teuren – Rundfunkstandleitungen an unser „Funkhaus “ in dem Dorf Plate bei Schwerin angebunden waren.

Antenne MV – unsere Zeitung zum Sendestart am 31. Mai 1993 als PDF zum Download (3 MB)

Dass wir beim Aufbau von Antenne MV durchaus unkonventionell vorgingen, zeigt auch die erste Ausgabe von “Unsere Zeitung”. Statt Anzeigen zu schalten, die wenigen Litfaßsäulen im Land zu bekleben, Handzettel zu verteilen oder Discos mit Promotion-Teams zu stürmen, haben wir den Sendestart ausschließlich mit dieser Zeitungsbeilage beworben. Aus heutiger Sicht muss ich zugeben – tolle “Mediendesigner” waren wir wirklich nicht. Dafür haben wir alles selbst gemacht und jede Menge Kosten für Werbeagenturen gespart. Unsere “Botschaften” sind dennoch bei den künftigen Hörern angekommen. Zum Sendestart sprach (fast) ganz Mecklenburg-Vorpommern über Antenne MV.

Unsere Berichterstattung war von Anfang an so ambitioniert und engagiert, dass schon nach dem zweiten Sendetag die erste Klage bei uns einging. Einer unserer Redakteure hatte die Machenschaften eines betrügerischen Busunternehmers (klar, das war ein “Wessi”) aufgedeckt, der bei angeblichen Kaffeefahrten viele brave Mecklenburger übers Ohr gehauen hatte. Die Klage lief ins Leere, der dubiose Busreiseveranstalter verschwand aus Schwerin und wir machten unbeeindruckt weiter.

Mit dem Ü-Boot auf der Ostsee

In der Folge deckten unsere Redakteure unter anderem Machenschaften des Verfassungsschutzes auf („Die Buntgescheckten-Affäre“), brachten Minister in Erklärungsnot und forcierten gar deren Rücktritte. In Erinnerung an die Piratentsender der 1960er Jahre ließen wir im Sommer 1994 unser „Ü-Boot“ (Ü für Übertragung) in die Ostsee stechen und rekonstruierten fünf Jahre nach dem Mauerfall noch einmal den Abend des 9. November 1989. Dafür gab’s sogar einen Radiopreis – es war längst nicht die einzige Auszeichnung in den Anfangsjahren von Antenne MV.

Irgendwie schien das von Radioberatern wegen der „hohen Wortanteile“ damals „als selbstmörderisch“ bezeichnete Programmkonzept den Hörern im Nordosten wohl doch zu gefallen. Neun Monate nach dem Sendestart wurde für uns in der Media-Analyse immerhin ein Marktanteil von 32 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern ausgewiesen. Mit sichtlichem Stolz konnte ich damals verkünden, dass Antenne MV nach Radio FFH in Hessen der Privatsender mit dem höchsten Marktanteil im eigenen Verbreitungsgebiet sei.

Noch mehr überrascht als der Programmerfolg hat mich die ausgesprochen positive wirtschaftliche Entwicklung. Nachdem ich den “Chefposten” übernommen hatte, war meine größte Sorge, wie wir denn zwischen den ausgedehnten Feldern und Wiesen in Mecklenburg-Vorpommern genügend Werbekunden finden sollten. Denkste – die Sorge war umsonst. Zwar war die erste Werbebuchung – ausgerechnet für eine CD von Stefanie Hertel – erst kurz vor dem Sendestart eingegangen, wenige Wochen später hatten wir dennoch schon volle Werbeblöcke. Das freute vor allem die Gesellschafter, die Ende 1994 nur eineinhalb Jahre nach dem Sendestart bereits ordentliche Renditen ausgeschüttet bekamen. Alle Anlaufverluste waren zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon getilgt. Das ging keinesfalls zu Lasten der damals knapp 50 hoch motivierten Mitarbeiter. Erst kürzlich hat mir ein inzwischen zum Manager aufgestiegener ehemaliger Reporter bestätigt, dass es bei Antenne MV „ausgesprochen sozial zuging“ – damals zumindest.

Klar, es gab auch Schwierigkeiten, Reibereien, Eifersüchteleien und so manchen Beitrag, der besser nicht gesendet worden wäre. Der 20. Jahrestag des Programmstarts ist allerdings nicht der Zeitpunkt, an dem längst vergessene „Problemchen“ oder gar die nicht immer so positive weitere Entwicklung von Antenne MV nach meinem Ausscheiden Ende 1998 in den Mittelpunkt gerückt werden sollten. Heute schwelge ich lieber in schönen Erinnerungen an den Pfingstmontag 1993, als ich gemeinsam mit großartigen Mitarbeitern wie dem damaligen Chefredakteur Peter Kranz, Technikchef Diego Ludwig, Marketingchef Uli Gienke, CvD Ingo Lorenz, engagierten Redakteuren, kreativen Moderatoren und geschäftstüchtigen Werbezeitenverkäufern  „meinen“ ersten – und wohl auch letzten – Radiosender starten durfte.

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