Medien

Die Unschuldsvermutung gilt nicht mehr

Wie sich aus einem „statistischen Anfangsverdacht“ gegen eine Krankenschwester eine Hetzjagd in den Medien entwickelt.

7. Mai 2009. Noch ist ihr Name nicht öffentlich. Wie lange die Identität einer Krankenschwester am Altmark-Klinikum der sachsen-anhaltinischen Kleinstadt Gardelegen allerdings noch geheimgehalten werden kann, ist fraglich. Die mediale Hetzjagd auf die Frau hat unterdessen längst begonnen: „Hat eine Krankenschwester ihre Patienten totgespritzt?“, fragt RTL-Aktuell“ und „Bild.de“ hat den „schrecklichen Verdacht“: „Tötete Krankenschwester 15 Patienten?“.

Das öffentlich-rechtliche „MDR-Info“ verzichtet auf seiner Website gleich ganz auf das obligatorische Fragezeichen und stellt in einer Bildunterschrift fest: „Eine Krankenschwester hat womöglich in Gardelegen auf der Intensivstation mehrere Patienten getötet.“ Ausgelöst wurden die heillosen Spekulationen durch eine Pressekonferenz am Mittwoch auf der Staatsanwaltschaft und Polizei über einen „statistischen Anfangsverdacht“ gegen die Krankenschwester informiert hatten.

Nach einem Bericht der „Magdeburger Volksstimme“ liegen diesem „statistischen Anfangsverdacht“ folgende Erkenntnisse zu Grunde:

Im Jahr 2008 seien insgesamt 121 Patienten auf der Intensivstation der Klinik gestorben, in über 50 Prozent der Fälle habe die Tatverdächtige Dienst gehabt. 2007 zahlte die Klinikleitung 93 Tote, in 42 Fällen davon war die beschuldigte Krankenschwester auf Station. 2009 starben 24 Patienten auf der Intensivstation, 16 davon während der Dienstzeiten der Frau.

Die beschuldigte Krankenschwester, die weiterhin in dem Klinikum arbeitet, jedoch keinen direkten Patientenkontakt mehr haben soll, bestreitet nach Auskunft der Staatsanwaltschaft alle Vorwürfe. Die Beweislage scheint wohl sehr dünn zu sein, das musste auch der Präsident der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord, Johannes Lottmann, nach einem Bericht der „Magdeburger Volksstimme“ bei der Pressekonferenz am Mittwoch einräumen: „Derzeit gibt es keine Indizien, die eine vorsätzliche Tötung und somit die Schuld der Krankenschwester beweisen würden.“

Um nähere Aufschlüsse über die Todesursachen zu erhalten, sollen vier Patienten, die im Jahr 2008 auf der Intensivstation verstorben sind, exhumiert und obduziert werden. Mit Ergebnissen wird nach Auskunft der Klinikleitung allerdings erst in einigen Wochen zu rechnen sein.

Unerklärliches Vorpreschen von Staatsanwaltschaft und Polizei

Unerklärlich ist deshalb, warum Staatsanwaltschaft und Polizei schon jetzt explizit auf eine mögliche Täterschaft der Krankenschwester öffentlich hinwiesen. Eine entsprechende Anfrage von blogmedien bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Stendal wurde bislang nicht beantwortet. Sicher ist, dass die Unschuldsvermutung, ein Grundprinzip rechtstaatlicher juristischer Verfahren, mit dem öffentlichen Vorpreschen von Staatsanwaltschaft und Polizei zu diesem Zeitpunkt massiv unterlaufen wurde.

Auch wenn bei der Pressekonferenz keine näheren Angaben über die beschuldigte Krankenschwester gemacht wurden, ist ihre Identität längst bekannt, wie ein Redakteur der „Magdeburger Volksstimme“ in seinem Bericht freimütig einräumte. Das Umfeld des kleinstädtischen Klinikums ist einfach zu überschaubar, um eine mediale Hetzjagd auf die womöglich unschuldige Frau nach den öffentlich gemachten Hinweisen noch ausschließen zu können.

Insgesamt haben nach Angaben der Klinikleitung lediglich sieben Krankenschwestern in Tag und Nachtschichten auf der Intensivstation gearbeitet. Den Namen der Frau herauszubekommen, die im Frühjahr dieses Jahres in einen anderen Bereich des Krankenhauses versetzt wurde, ist für jeden versierten Journalisten wohl eine Leichtigkeit. Der Redakteur der „Magdeburger Volksstimme“ hat bislang auf die Veröffentlichung des Namens der Krankenschwester verzichtet. Ob sich die Kollegen anderer Medien ebenfalls an Ziffer 13 des Pressekodex halten, ist erfahrungsgemäß eher fraglich. In dem Kodex heißt es: „Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse.“ Für Ermittlungsbehörden sowieso.

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