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Die Legende vom Hamsterpups

Es gibt tatsächlich immer noch Spielverderber, die gegen „Geheime Geräusche“ oder „Geldscheinauffindungsaktionen“ im Radio Sturm laufen. Wohl zu unrecht, wie dieser Beitrag zeigt.

11. Februar 2009. Die 14 deutschen Landesmedienanstalten haben eine Gewinnspielsatzung für den privaten Rundfunk verabschiedet. Damit soll unter anderem mehr Transparenz bei der Durchführung von kostenpflichtigen Gewinnspielen geschaffen werden. Eigentlich sind die neuen Regulierungen überflüssig, weil es doch kaum vorstellbar ist, dass beispielsweise deutsche Radiomacher ihre Hörer vorsätzlich betrügen – und dabei über kostenpflichtige Hotlines auch noch kräftig abkassieren.

In der Szene halten sich allerdings immer noch hartnäckig Gerüchte über Tricks der so genannten „Hütchenspieler“ im Radio. Einige dieser „Hamsterpups-Legenden“ haben wir als abschreckende Beispiele nachfolgend zusammengestellt:

1. Geräuscheraten

Die Hörer werden durch häufige Moderationen, Trailer, jubelnde frühere Gewinner und aufgezeichnete Kandidaten-Interviews dazu animiert, ein bestimmtes Geräusch zu erraten, das auch regelmäßig im Programm vorgestellt wird. Dabei ist es eigentlich völlig egal, ob es sich um das Öffnen eines Brillenetuis, das Schließen einer Zahnpastatube oder einen Hamsterpups handelt. Wichtig ist nur, dass das Geräusch nur wenige Zehntelsekunden auf dem Sender zu hören ist. Damit wird verhindert, dass misstrauische Geräuscheakustiker nach Auswertung von Mitschnitten etwa nachweisen könnten, dass es sich gar nicht um die Zahnpastatube, sondern um das Brillenetui handelt.

Schließlich will der Sender ja nicht Gefahr laufen, dass hartnäckige Mitspieler schon nach wenigen Tagen den richtigen Tipp abgeben, den ausgelobten Gewinn – zumeist ein im Spielverlauf ansteigender 5-stelliger Geldbetrag – einsacken, das für die Gewinnaktion fest eingeplante Budget sprengen und auch noch die parallel geschaltete Werbeaktion mit Plakaten, Busaufklebern und/oder Zeitungsanzeigen torpedieren. Aus diesem Grund werden mehrere vermeintlich richtige Antwortmöglichkeiten vorbereitet. Ein großer landesweiter Sender soll bei einer früheren Aktion schon mal 360 Antwortversionen in petto gehabt haben – das berichten zumindest ehemalige Mitarbeiter.

Mögliche Vorteile für „Hütchenspieler“: Sie bestimmen allein, wann das gesuchte Geräusch erraten wird und können die Hörer nebenbei noch kräftig abkassieren. Jeder Anruf auf der Hotline kostet 50 Cent – auch wenn diese auf dem automatischen Anrufbeantworter landen: „Leider haben Sie diesmal kein Glück, versuchen Sie’s doch gleich noch mal.“

2. Wort oder Begriff erraten

Prinzip und Abläufe dieses unterhaltsamen Gewinnspiels sind mit dem Geräuscheraten vergleichbar. Dabei müssen von den Hörern allerdings bestimmte Worte bzw. Begriffe erraten werden. Damit Schlaumeier das Spiel nicht verderben, werden ebenfalls ausreichende Antwortmöglichkeiten bereitgehalten, die selbstverständlich alle auch auf die Hinweise passen, die von den Moderatoren im Spielverlauf gegeben werden.

Mögliche Vorteile für „Hütchenspieler“: Der Aufwand ist im Vergleich zum Geräuscheraten geringer – die Einnahmequellen über die kostenpflichtige Hotline bleiben gleich.

3. Geldscheinsuche

Gesucht wird ein Geldschein mit einer bestimmten Seriennummer – häufig sind das 5-Euro-Noten, damit auch wirklich jeder mitmachen kann. Wer die gesuchte Banknote hat und sich innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums über die kostenpflichtige Hotline beim Sender meldet, soll einen „Riesengewinn“ erhalten. Immerhin wurden für fleißige Geldscheinsammler schon Gewinne in Höhe bis zu 1 Million Euro „garantiert“ und auch ausgeschüttet. Fatal wäre für die Radiomacher allerdings, wenn sich der Besitzer des gesuchten Geldscheins schon nach wenigen Stunden oder innerhalb der ersten Tage nach Beginn der Aktion melden würde. Gegen solche Pannen gibt’s ein probates Mittel : Der gesuchte Geldschein wird erst dann in den Umlauf gebracht, wenn aus Sicht des Senders die Aktion beendet werden soll. Damit im Verlauf des Spiels auch genügend Anrufe auf der kostenpflichtigen Hotline eingehen, werden kleine Geldpreise für richtige Endnummern ausgelobt. Das funktioniert selbstverständlich nach dem Zufallsprinzip – wer zuerst „durchkommt“ hat gewonnen. Die meisten Inhaber der gesuchten Geldscheine landen allerdings beim automatischen Anrufbeantworter: „Leider sind alle Leitungen ins Studio zurzeit belegt“.

Mögliche Vorteile für „Hütchenspieler“: Der zeitliche Verlauf des Spiels kann weitgehend gesteuert werden. Über die kostenpflichtige Hotline sind zusätzliche Erlöse zu generieren. Nicht zuletzt sorgt die Geldscheinsuche häufig für jede Menge Gesprächsstoff. In manchen Regionen waren während solcher Aktionen beispielsweise kaum noch 5-Euro-Scheine zu bekommen, weil Mitspieler bei der Radioaktion die Banknoten regelrecht horteten.

4. Anrufspiel

„Jetzt sollten Sie sich ganz in der Nähe Ihres Telefons aufhalten, denn gleich rufen wir eine zufällig ausgewählte Nummer in unserem Sendegebiet an. Wer sich dann mit ‚Radio XY spielt meldet, hat gewonnen.“ So – oder so ähnlich werden Hörer für die Teilnahme beim Anrufspiel animiert. Wer tatsächlich vom Sender angerufen wird und sich mit seinem Namen, „Guten Morgen“ oder einfach „Hallo“ meldet, hat leider verloren. Dennoch sollte er tunlichst versichern, dass er sich unheimlich ärgere, weil er sich sonst immer mit dem gefragten Slogan melde, nur diesmal einfach nicht aufgepasst habe. Wer sich über den Anruf etwa beschwert, landet gleich im digitalen Papierkorb, weil diese Telefonate keinesfalls – wie vom Moderator suggeriert – „live“ geführt – sondern in der Regel vorher aufgezeichnet werden.

Damit nicht zu viele Gewinner das vorgesehene Budget für die Aktion sprengen, wird bei den Anrufen sicherheitshalber die Kennung (Nummer des Anrufers) unterdrückt. Für Einnahmen des Senders sorgt eine Spielvariante: Über kostenpflichtige Hotlines können sich Hörer für die Teilnahme bewerben. Zudem schätzen sich Radiomacher so gegen etwaige Klagen wegen unerlaubter Werbeanrufe.

Mögliche Vorteile für „Hütchenspieler“: Das Gewinnspiel wird vollständig kontrolliert. Teilnehmer und Gewinner können über die Vorwahlnummern gleichmäßig über das Sendegebiet „verteilt“ ausgewählt werden.

5. Für Gesprächsstoff sorgen

Weil viele Sender solche – und weitere – Gewinnaktionen vor allem während der Umfragezeiträume für die Media-Analyse ins Programm hieven, sind Radiomacher gut beraten, für zusätzlichen Gesprächsstoff zu sorgen. Eine beliebte – und l?ngst mehrfach erprobte Variante – ist der „gefeuerte Lieblingsmoderator“. Der – oder die – hat angeblich versehentlich die richtige Lösung ausgeplaudert, muss daraufhin beim Geschäftsführer oder Programmdirektor zum Rapport erscheinen und wird gefeuert. Damit alle Mitspieler die gleiche Gewinnchance behalten, stoppt der Sender die Aktion.

Die Presseabteilung informiert sofort die regionalen Medien, damit das Malheur auch bei Nichthörern des Senders bekannt wird. Natürlich melden sich daraufhin verärgerte, wütende und enttäuschte Hörer und fordern die sofortige Wiedereinstellung ihres Lieblingsmoderators. Damit diese – gewollten – Proteste auch publik werden, lassen umsichtige Radiomanager dafür rechtzeitig gesonderte Hotlines und Internetforen einrichten. Rechtzeitig, bevor enttäuschte Hörer dem Sender wirklich den Rücken kehren, geben Geschäftsführung und/oder? Programmdirektion nach und stellen den gerade gefeuerten Lieblingsmoderator wieder ein. Motto: Wir hören schließlich auf unsere Hörer.

Wichtig für Radiomacher ist dabei allerdings, dass alle Beteiligten auch „mitspielen“ und keiner „quatscht“. Das trifft auch für die Variante „verschwundener Geldschein“ zu. Der Hörer ist sich ganz sicher, den gesuchten Geldschein mit der richtigen Nummer zu haben. Nach dem Anruf beim Sender und der ersten überschwänglichen Gratulation „on air“, ist die Banknote plötzlich nicht mehr auffindbar. Moderator und Hörer leiden mit dem vermeintlichen Gewinner. Der darf seine Verzweiflung auch in Interviews auf dem Sender kundtun. Es hilft schließlich alles nichts – der erhoffte Geldgewinn ist futsch.

Besonders kreative Radiomacher haben sogar schon ganze Dramen bei der Geldscheinsuche inszeniert. Die Ehefrau des Besitzers der gesuchten Banknote meldet sich beim Sender. Sie sei sich ganz sicher, dass ihr Gatte den Schein mit der gesuchten Nummer habe. Pech, der befindet sich gerade auf Dienstreise und wird schließlich von den cleveren Moderatoren in den Armen der Geliebten in einem Hotelzimmer per Anruf überrascht. Dummerweise geht die Gespielin ans Telefon. Wie die Radioleute den Aufenthaltsort des untreuen Gatten ermittelt haben, bleibt ihr Geheimnis.

Möglicher Nachteil für „Hütchenspieler“: Sie könnten sich mit solchen dümmlichen Aktionen völlig lächerlich machen.

Alles Blödsinn. Es ist kaum vorstellbar, dass deutsche Radiomacher im Nebenberuf „Hütchenspieler“ sind und solche Aktionen initiieren oder auch tatsächlich umsetzen. Schließlich gibt es doch Gesetze, Verordnungen, ethische Regeln – und nicht zuletzt die Landesmedienanstalten, die im Interesse der Hörer sofort eingreifen, wenn auch nur der geringste Verdacht auf Unregelmäßigkeiten im Radio aufkommt – oder etwa nicht?

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