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Der letzte Schnitt

27. Dezember 2010 | Meine ersten Erfahrungen mit Apples Videobearbeitungs-Programmen sind eher durchwachsen. Die neue iMovie-Version und Final Cut Express geben Amateurfilmern wie mir einige Rätsel auf.

Heiligabend, morgens gegen 5 Uhr war’s vollbracht – dachte ich zumindest. Gerade hatte ich den letzten korrigierenden Schnitt in der 59 Minuten langen Timeline von Final Cut Express gesetzt. Jetzt musste Julias Jahresvideo nur noch gerendert werden; abends nach Gänsebraten und Bescherung sollte dann die Familie die schönsten Bilder des Jahres bewundern: Von unseren Reisen, Ausflügen, Geburtstagsfeiern, Julias Theaterpremiere und alles, was wir so im Laufe des Jahres mit der Kamera festgehalten hatten.

Eine böse Überraschung gab’s dann am Vormittag als ich in froher Erwartung den fertigen Film ansehen wollte. Von wegen – nach gut fünf Stunden waren gerade mal 25 Prozent des Films fertiggestellt – als Produktionszeit meldete Final Cut Express 12 Stunden. Eine Stunde später war die Meldung noch niederschmetternder: Da waren zwar 26 Prozent fertig, dafür wurden jetzt gar 14 Stunden Produktionszeit angezeigt. Die Videopremiere, seit Jahren fester Bestandteil an Heiligabend bei Müllers, drohte diesmal auszufallen.

„Hilfe, Apple sabotiert unseren Heiligabend“, mailte ich voller Verzweiflung Richard Gutjahr, TV-Moderator, toller Blogger und bekennender Fan von Steve Jobs und dessen Produkten. Richard tröstete mich umgehend: Die Produktionszeit könne plötzlich rapide abnehmen. Er sollte Recht behalten. Eine weitere Stunde später, inzwischen war’s gegen 12 Uhr mittags, kam plötzlich Bewegung auf den Bildschirm meines iMacs. Die angezeigten Zeiten wurden ständig nach unten korrigiert, gegen 13.30 Uhr war der Film fertig – und ich unglaublich erleichtert.

Warum Final Cut Express so merkwürdige Produktionszeiten anzeigt? Keine Ahnung. Auch die vermeintlichen Experten in einschlägigen Foren plagen sich seit Jahren offenbar mit diesem Phänomen herum; häufig wohl auch in die andere Richtung. Statt der angezeigten technischen Produktionszeit von zwei Stunden soll sein Video erst nach 16 Stunden fertig gewesen sein, beklagte sich ein „Appleaner“.

Auf andere „Bugs“, mit denen sich ein Apple-Greenhorn bei der Produktion von Videos gefälligst herumzuplagen hat, gibt es indes Auskünfte in den Foren. Zum Beispiel, warum die sorgfältig für die Untermalung der Bilder ausgewählte – und über iTunes ganz legal beschaffte – Musik ziemlich knarzt. „Final Cut Express verträgt das Format MP3 nicht“, meldete ein hilfsbereiter und offenbar versierter Nutzer der Software. Man solle die Audios am besten in das Format AIFF umwandeln, lautete sein Ratschlag zur Lösung des Problems. Nur – über iTunes bezogene Musikstücke lassen sich nicht umwandeln. Das ist doch ein Anachronismus – oder? Eingefleischte Apple-Jünger werden vermutlich auch für diesen Blödsinn eine passende Erklärung haben.

Wohl auch für die Verschlimmbesserungen, die sich Jobs und seine Leute bei der Neuauflage der Multimedia-Software iLife 11 geleistet haben. Ich beschränke mich in meiner Schelte auf iMovie, der Videoschnitt- und Produktionssoftware mit der es laut Apples Eigenwerbung angeblich „ganz leicht“ sein soll „aus deinen Videos deine Lieblingsfilme zu machen.“ Und weiter heißt es auf der deutschsprachigen Website: „Du wirst über sie lachen. Du wirst manchmal weinen.“

Zum Weinen sind in der Tat die vielen Macken, die das Programm vor allem in der neusten Version hat. Eigentlich wollte ich Julias Jahresvideo in drei bis vier Teilen in iMovie vorproduzieren und dann in Final Cut Express zum kompletten Film zusammenstellen. Daraus wurde nichts. Als ich die ersten 13 Minuten mühevoll zusammengestellt hatte, vielen plötzlich Töne aus. Das sei nur eine von vielen Macken, die das Programm seit der Neuauflage in diesem Herbst habe, erfuhr ich aus einem Apple-Forum. Außerdem können Standbilder aus dem Videomaterial jetzt nur noch mit allerlei Tricks angefertigt werden, in der Version zuvor ging’s mit einem Mausklick. Wer Hintergründe und Texte in iMovie 11 nutzen will, braucht Geduld und die Hilfe von fortgeschrittenen Tüftlern in den Foren, zumindest wenn diese Elemente in einer Länge von mehr als 9,9 Sekunden in das Video integriert werden sollen.

Anwenderfreundlich geht sicherlich anders. Da hilft es auch kaum, dass Steve Jobs seiner Kundschaft in der iMovie-Version 11 vorgefertigte Produktionselemente zur Erstellung von – nicht ganz Hollywood reifen – Film-Trailern zur Verfügung stellt, einschließlich des „eindrucksvollen Original-Soundtracks“, die vom „legendären“ London Symphony Orchestra exklusiv für Apple und seine Nutzer eingespielt wurden. Eine ordentliche Auswahl von Soundelementen für die Produktion des eigenen Videos wäre wohl hilfreicher gewesen.

Diese „Macken“ haben mich letztendlich nicht davon abgehalten, Julias Jahresvideo fertigzustellen. „Die schönsten Bilder des Jahres“ flimmerten diesmal allerdings statt Heiligabend erst am zweiten Weihnachtstag über den heimischen Bildschirm. Dafür mit Trailer. Dank Apple.

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