Medien

Der fliegende Holländer

„Bild“ hat am Freitag Bayern-Trainer Louis van Gaal zum medialen Abschuss freigegeben – und die Mainzelmänner folgten gleich als „Heckenschützen“.

23. Oktober 2009. Das Zentralorgan der Deutschen hat sich heute mal wieder hingebungsvoll den drängenden Problemen der Republik angenommen. Während „Bild“ bei der „Schweinegrippe“ immer noch darum bemüht ist, das „Impf-Chaos“ endlich in den Griff zu bekommen, steht die redaktionelle Marschrichtung in der Personalangelegenheit Louis van Gaal endlich fest: „Fliegt van Gaal schneller als Klinsi?“, fragt das Blatt heute eher scheinheilig auf der Titelseite. Dabei wissen geübte Leser längst, dass „Bild“ zwischen Frage- und Ausrufezeichen zumeist keinen Unterschied macht, zumindest nicht, wenn diese Satzzeichen in großen Lettern auf der ersten Seite prangen, so wie auf der heutigen Münchner Ausgabe des Zentralorgans.

Nach der 1:2-Schlappe am Mittwoch im Champions-League-Spiel bei Girondins Bordeaux kommt „Bild“ heute zum Ergebnis „van Gaal ist schlechter als Klinsi“. Und weil der Holländer aus Sicht des Blattes auch noch „arrogant“ ist, wird aus ihm wohl bald ein? „fliegender Holländer“. Schließlich haben bislang nur wenige Trainer einen medialen Abschuss überstanden.

Van Gaals indirekter Vorgänger, Jürgen Klinsmann, schaffte das vor drei Jahren vorübergehend, als die Nationalelf in den Vorbereitungsbegegnungen zur WM im eigenen Land zeitweise eher Trauerspiele ablieferte. In diesem Frühjahr wurde „Klinsi“ dann als erfolgloser Trainer der Bayern um so gensslicher medial hingerichtet. Die „taz“ nagelte ihn sogar auf ihrer Titelseite ans Kreuz.

Spätestens wenn „Bild“ den Daumen senkt, müssen wohl auch die anderen Sportberichterstatter mitziehen, wenn sie sich nicht ins Abseits stellen wollen. So wie die Mainzelmänner am Freitag in den Sportblöcken des „ZDF-Morgenmagazins“, die sich quasi als „Heckenschützen“ ins Zeug legten: „Ist Bordeaux im Herbst für Louis van Gaal das, was für Jürgen Klinsmann Barcelona im Frühling war?“, fragte Sportmoderator Thomas Skulski genüsslich zur Ankündigung eines mehrfach ausgestrahlten Beitrags über die „Ratlosigkeit bei den Bayern“. Skulski hätte auch gleich aus „Bild“ vorlesen können. Schließlich war in dem 90 Sekunden langen – vorwiegend aus Archivbeständen zusammengestückelten – Filmchen ziemlich genau das nachzusehen, was „Bild“ am selben Morgen vorgegeben hatte: „Van Gaals Herbstbilanz ist schlechter als die Klinsmanns“.

Also muss er weg. Ob für die derzeitige Misere auch die Bayern-Bosse erhebliche Mitverantwortung tragen, zum Beispiel wegen ihrer eigenwilligen „Einkaufspolitik“ in den vergangenen Jahren, zogen die gebührenfinanzierten Sportleute erst gar nicht in Betracht. Im Gegenteil: In ihrem Beitrag ließen sie lieber Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in der Rolle des Anklägers gegen van Gaal auftreten. Genau wie „Bild“ an diesem Morgen. Auch dort hatte „Kalle die Versager kritisiert“. Er selbst blieb allerdings verschont.

Bleibt noch die Frage, warum sich die ZDF-Sportredakteure nicht schon am Donnerstag, also am Tag nach der Bayern-Pleite in Bordeaux, mit dem glücklosen Trainer beschäftigt hatte? Mag sein, dass die Mainzelmänner das Thema einfach verschliefen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass „Bild“ zu diesem Zeitpunkt Louis van Gaal noch nicht zum medialen Abschuss freigegeben hatte.

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