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Das „Spiegel-i“

23. Februar 2010 | Es ist wohl gar nicht so einfach, 152 Magazin-Seiten auf dem iPhone unterzubringen. „Der Spiegel“ hat’s versucht und dabei „mobile Bleiwüsten“ kreiert.

Spiegel 8-2010„Man muss schon ein begeisterter Spiegel-Leser sein, um so etwas zu tun“, prognostizierte Christian Jakubetz in der Januar-Ausgabe des Medienmagazins „Journalist“ angesichts der Ankündigung, dass die komplette Ausgabe des Nachrichtenmagazins künftig auch auf dem iPhone nachzulesen sei. Der erfahrene Medienmann dürfte mit seiner Einschätzung richtig liegen. Wer seit Samstagabend den aktuellen „Spiegel“ auf sein iPhone heruntergeladen hat, nimmt – auf eigene Kosten – an einem Experiment teil, dass in dieser Form wohl scheitern dürfte.

Aber der Reihe nach: Positiv ist, dass nach dem kostenlosen Download des E-Readers über Apples App-Store die aktuelle Ausgabe des Nachrichtenmagazins in wenigen Sekunden heruntergeladen – und auf dem iPhone gespeichert wird. Der mobile „Spiegel“ ist also überall verfügbar, selbst wenn keine W-Lan-, 3G- oder normale Funktelefonverbindung zustande kommt. Zudem kann nach Verlagsangaben das Magazin bereits samstags ab 22.00 Uhr abgerufen werden. Während der Einführungsphase sind für jede Ausgabe 2,99 Euro fällig, danach soll der Preis auf 3,99 Euro steigen. Am Kiosk kostet das gedruckte Heft zurzeit 3,80 Euro.

Dabei hat der Spiegel-Verlag bei der iPhone-Version nicht nur Papier-, Druck- und Vertriebskosten gespart, sondern auch Inhalte gekürzt bzw. einfach weggelassen. In der aktuellen mobilen Version fehlen drei Kurzbeiträge des Auslandsressorts, die in der gedruckten Ausgabe auf den Seiten 80/81 nachzulesen sind. Ganz weggelassen wurden für viele Stammleser lieb gewonnene Rubriken wie „Spiegel Online“ und „Spiegel TV“ (Seite 145), „Register“ (Seite 146), „Personalien“ (Seiten 148/149) sowie „Hohl“- und „Rückspiegel“ auf der drittletzten Seite der Printausgabe. Dafür ist das Impressum auch auf dem iPhone über sage und schreibe 14 Seiten vollständig nachzulesen.

Reichlich gespart wurde beim „Spiegel-i“ auch mit Fotos. Die wenig spannende Titelgeschichte um das gestörte Verhältnis zwischen Außenminister Westerwelle und Kanzlerin Merkel („Herr Schrill gegen Frau Still“) erstreckt sich zwar bei Auswahl der mittleren Schriftgröße über 43 iPhone-Seiten. Dazu wird allerdings nur ein Foto zur Verfügung gestellt: nicht etwa von den Protagonisten der Geschichte, sondern von Umweltminister Röttgen (CDU). Die herrliche Aufnahme von Merkel und Westerwelle im VW-Cabrio bleibt den Lesern der gedruckten Ausgabe vorbehalten. Es sei denn, „mobile Spiegel-Kunden“ entdecken zufällig, dass sie sich nach Kauf der aktuellen iPhone-Ausgabe auch das vollständige Magazin als PDF-Datei herunterladen können.

Noch störender als die lieblose Auswahl und teilweise schlechte Aufbereitung der grafischen Elemente, die als so genannte Bilderstrecken zusammenhanglos zu den entsprechenden Textpassagen dargeboten werden, sind die völlig unstrukturierten „mobilen Bleiwüsten“. Im Interview mit dem geschassten ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender wird die Identifizierung von Fragen und Antworten zur echten Herausforderung. Mitten im Text erscheint zudem plötzlich eine Bildunterschrift ohne das dazu gehörige Bild. Bei den Leserbriefen ist kaum nachvollziehbar, wo die eine Meinung aufhört und die nächste Stellungnahme beginnt. Angesichts dieses grafischen Dilettantismus wirkt es schon fast wie Hohn, wenn bei „Spiegel-Online“ nachzulesen ist: „Die SPIEGEL-App verschafft Ihnen ein vollkommen neues Leseerlebnis.“ Selbst mit kostenlosen Plugins können heutzutage umfangreiche Inhalte für mobile Endgeräte ansehnlicher aufbereitet werden. Für die Grafik- und Technikexperten beim „Spiegel“ bleibt da wohl noch einiges zu tun, wenn sie ihr „i“ nicht platzen lassen wollen, bevor es „fertiggekocht“ ist.

In einer ersten Bewertung des neuen mobilen Angebots aus dem Hause „Spiegel“ kommt Medienexperte Christian Jakubetz in seinem „JakBlog“ folgerichtig zum Schluss „Vom Marktführer in Sachen Nachrichtenportale hätte man sich ja schon ein wenig Innovation gewünscht – und wenn das schon nicht, dann wenigstens eine präzise technische Umsetzung.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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