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Das ist gar nicht mal so „kacke“

11. Juli 2014 | Beobachtungen bei Twitters Aufstieg in Deutschland während der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien.

Das waren noch Zeiten, als Fußball-Fans zu Hause vor dem Fernseher Salzstangen knabbernd und Bier trinkend die Spiele deutscher Nationalmannschaften bei der WM verfolgten. Heutzutage werden Jogis Jungs vorzugsweise beim so genannten Public Viewing, in einem Vereinsheim oder in der Stammkneipe anfeuert. So drängten sich beim Viertelfinalsieg der Deutschen gegen Frankreich über Einhundertausend Menschen bei glühender Hitze auf der Berliner Fanmeile zwischen Brandenburger Tor und “Goldener Else” – das sind mehr Zuschauer als ein Fußballstadion aufnehmen kann.

Wer dennoch zuhause die Live-Übertragungen aus Brasilien sieht, kann sich zumindest via Social Media mit anderen Fans über Müllers Tore und Neuers Paraden freuen oder über Béla Réthys Kommentare lästern. Der “Second Screen” ist spätestens seit Beginn dieser WM auch bei Fußball-Fans angekommen. Davon profitiert vor allem der Microbloggingdienst Twitter, der in Deutschland bislang gegenüber Facebook nur ein Schattendasein führt. Nach einer von “Statista” veröffentlichten Analyse wurden für Twitter im Januar dieses Jahres gerade mal 3,6 Mio. Unique Visitors ermittelt und damit nur ein Zehntel der Nutzer von Facebook hierzulande (34 Mio.). Jetzt kann auch Twitter Rekorde vermelden: Am Dienstag sollen 35,6 Millionen Tweets zum “historischen” 7:1 Sieg der Deutschen über Brasilien weltweit abgesetzt worden sein, berichtet Welt Online. Zudem habe sich die Twitter-Nutzung in Deutschland seit Beginn der WM verdreifacht.

“The Chancellor and me after the victory…..”

Befördert wird Twitters Aufstieg auch von deutschen Fußballstars wie Lukas Podolski, der inzwischen immerhin 1,7 Millionen Follower hat und mit insgesamt knapp 2.800 abgesetzten Tweets der eifrigste Nutzer in Jogi Löws Team ist. Sein am 16. Juni nach dem 4:0 Auftaktsieg gegen Portugal über den Microbloggingdienst verbreitetes Selfie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zählt sicherlich zu den originellsten Motiven, die am Rande der Spiele in Brasilien entstanden. Der Tweet “The Chancellor and me after the victory…..” schaffte es sogar in die Nachrichtensendungen von ARD, ZDF und RTL. Auch Mannschaftskollege und Superstar Manuel Neuer, der bei Facebook schon weit mehr als 4,6 Millionen Fans hat, nutzt zunehmend Twitter, wo ihm inzwischen über 1,4 Millionen Anhänger folgen. Die Fans der Fußballstars folgen ihren Idolen längst auch in die Sozialen Medien.

“Das ist so kacke”

Bei Twitter werden durchaus nicht nur von Neuer, Podolski und Co. vermeintliche Internas preisgegeben. Wer wissen will, was beispielsweise Jogi Löw am Spielfeldrand tuschelt, wenn das Spiel der Deutschen mal nicht so richtig läuft, der erhält Aufklärung von Julia Probst. So verriet die gehörlose Bloggerin unter “Ein Augenschmaus”, dass dem Bundestrainer beim lahmen 1:0 Vorrunden-Sieg gegen die USA “Das ist so kacke” entfuhr. Die 32-Jährige kann von den Lippen ablesen und gibt ihre Erkenntnisse während der WM-Spiele der deutschen Mannschaft regelmäßig an ihre inzwischen über 32.000 Follower bei Twitter weiter. Mit ihrem Einsatz bei den WM-Spielen kann sie auch auf das eigentliche Ziel ihrer Social-Media-Aktivitäten aufmerksam machen. Julia Probst setzt sich vor allem für Barrierefreiheit in den Medien, aber auch in der Gesellschaft allgemein ein. Mehr dazu ist in einem beeindruckenden Interview nachzulesen, das Marcel Fröbe vor zwei Jahren mit der Aktivistin für medienMITTWEIDA führte – übrigens per Twitter.

Zwei Tage vor dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft – und dem allseits fest erwarteten Sieg der Deutschen – hoffe ich mal, dass Julia Probst am Sonntagabend nicht erneut negative Tuscheleien von Jogi Löws Lippen ablesen muss. Das wäre ja nun wirklich “kacke”.

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