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Das Bayerische Fernsehen feierte erstmal weiter

9. Februar 2016 | Nach dem schlimmen Zugunglück in Oberbayern zeigt sich einmal mehr, dass öffentlich-rechtliche Redaktionen in extremen Situationen immer wieder überfordert sind. Diesmal patzte der Bayerische Rundfunk: Während Retter in der Nähe von Bad Aibling Tote und Schwerverletzte aus den Trümmern zweier Personenzüge bargen, wurde im BR-Fernsehen die „Närrische Weinprobe“ gefeiert. | Titelbild: Screenshot Bayerisches Fernsehen

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Pietätlosigkeit auch auf der Website des Bayerischen Fernsehens: Der Screenshot entstand am 9. Februar, 09.58 Uhr, mehr als drei Stunden nach dem schweren Zugunglück von Bad Aibling | Bild: Screenshot Website Bayerischer Rundfunk/Fernsehen

Zugegeben – das Titelbild zu diesem Blogeintrag ist etwas makaber: Da zeige ich einen Screenshot von einer feuchtfröhlichen Faschingsveranstaltung, wo es doch im Kern um die Berichterstattung über ein schweres Zugunglück gehen wird. Die Stillosigkeit dieser Darstellung ist allerdings vergleichsweise harmlos zu der Pietätlosigkeit, die sich der Bayerische Rundfunk am Dienstagmorgen in seinem Fernsehprogramm leistete: Nachdem gegen 06.40 Uhr zwei Personenzüge einer Privatbahn in der Nähe von Bad Aibling in Oberbayern frontal aufeinandergeprallt waren und es schon bald darauf erste Meldungen von Toten und Schwerverletzten gab, ließen die Verantwortlichen das TV-Programm einfach planmäßig weiterlaufen; nicht etwa für Minuten, sondern fast vier Stunden lang.

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Knapp vier Stunden nach dem schweren Zugunglück – erste Bilder im Bayerischen Fernsehen | Screenshot Bayerisches Fernsehen, 9. Februar 2016, 10.35 Uhr

Besonders makaber dabei: Ab 09.15 Uhr sendete das öffentlich-rechtliche TV-Programm, in dessen Kernsendegebiet sich zweieinhalb Stunden zuvor ein schweres Zugunglück ereignet hatte, die „Närrische Weinprobe“. Die gute Laune wurde nur von Texteinblendungen am unteren Bildschirmrand beeinträchtigt, auf denen hin und wieder die jeweils aktuelle Zahl der Todesopfer beim Zugunglück mitgeteilt wurde. Gegen 10.35 Uhr kam dann das plötzliche Aus für die fröhliche Schunkelei am Faschingsdienstag. Ohne  Ankündigung übernahmen die Bayern die Tagesschau aus dem „Ersten“  in ihr Regionalprogramm. Damit wurden die Zuschauer des Bayerischen Fernsehens knapp vier Stunden nach dem schlimmen Bahnunglück erstmals umfassender über dieses wichtige Ereignis in ihrem Freistaat informiert.

Nachtrag 9. Februar 2016, 17.00 Uhr: Die Intendanz des Bayerischen Rundfunks geht jedoch davon aus, dass die Programmverantwortlichen rechtzeitig und angemessen reagiert haben. Auf meine heutige Anfrage, 10:34 Uhr, erhielt ich um 16:21 Uhr von der BR-Pressestelle folgende Antwort:

Der BR hat, als sich die volle Trag­weite des Unglücks abzeich­nete, sofort rea­giert: Um 10.35 Uhr wurde die “När­ri­sche Wein­probe”, nach gut einer Stunde Sen­de­zeit, abge­bro­chen und das gesamte Pro­gramm des Baye­ri­schen Fern­se­hens auf­grund des Zug­un­glücks in Bad Aib­ling bis tief in die Nacht umge­stellt. Alle Faschings­sen­dun­gen wur­den aus dem Pro­gramm genom­men. Um 10.35 Uhr berich­tete die Tages­schau im Ers­ten, die par­al­lel auch im Baye­ri­schen Fern­se­hen gesen­det wurde. Auch in den dar­auf­fol­gen­den Stun­den wur­den die Zuschauer mit aktu­el­len Infor­ma­tio­nen aus Bad Aib­ling in Extra­aus­ga­ben der Tages­schau und der Rund­schau infor­miert. Der BR berich­tet heute um 19 Uhr im Baye­ri­schen Fern­se­hen in einem halb­stün­di­gen BR extra, Das Erste um 20.15 Uhr in einem “Brennpunkt”.

Erinnerungen an Paris und Köln

„Sofort reagiert“, knapp vier Stunden nach dem tragischen Ereignis? Vielmehr entsteht zunehmend der Eindruck, dass öffentlich-rechtliche Anstalten offenbar Probleme haben, auf unvorhersehbare Ereignisse mit größerem Ausmaß schnell und angemessen zu reagieren. Innerhalb weniger Monate war das zumindest der dritte große Patzer in der aktuellen Berichterstattung: Nach den Terroranschlägen in Paris am 13. November des vergangenen Jahres reagierte die ARD am selben Abend vor allem mit zusammengestammelten Vermutungen der eigenen Pariser Korrespondentin, während beispielsweise die britische BBC zur selben Zeit mit Hilfe von Social Media bereits ein umfassendes Bild von der Lage in Paris gezeichnet hatte. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof verzichtete die ZDF heute-Redaktion noch zwei Tage später auf eine Berichterstattung. Zumindest entschuldigte sich der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen per Facebook für diesen journalistischen Fauxpas: „Dies war jedoch eine klare Fehleinschätzung.“  

Mehr zum Thema bei Inge Seibel im Blog

IMG_0040„Ehrlich gesagt, ich bin jetzt noch entsetzt, wie unprofessionell meines Erachtens das Bayerische Fernsehen das Zugunglück bei Bad Aibling gehandhabt hat“. Inge Seibel (Journalistin, Radioberaterin und privat meine bessere Hälfte) hat sich ebenfalls mit der (Nicht-) Berichterstattung des Bayerischen Fernsehens am Dienstagmorgen und Vormittag beschäftigt. Unter dem Titel „Lieber BR, darf man heute noch so arbeiten?“ versucht sie den öffentlich-rechtlichen Programmverantwortlichen ins Gewissen zu reden.

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