Medien

Aufschrei von Radiomachern bei Antenne MV

12. Januar 2010 | Am Sonntag wehrten sich Moderatoren und Redakteure des Regionalsenders auf ihre Weise gegen weitere Rationalisierungen und erneuten Stellenabbau: Während der Schneekatastrophe in Mecklenburg-Vorpommern zeigten sie kurzsichtigen Beratern und raffgierigen Gesellschaftern mit fundierter Berichterstattung, was in ihnen steckt.

„Es war fast wie in früheren Zeiten“, schwärmt ein Mitarbeiter von Antenne MV mit sichtlichem Stolz über den vergangenen Sonntag in seinem Sender. Den ganzen Tag informierten die Radiomacher ihre Hörer über die Auswirkungen von „Daisy“, die in Mecklenburg-Vorpommern besonders hart zugeschlagen hatte. Schneemassen und eisiger Wind legten in weiten Teilen des nordöstlichen Bundeslandes den Verkehr lahm. Auf Rügen und Usedom ging so gut wie gar nichts mehr. Auch in anderen Landesteilen waren Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten. Im Landkreis Ostvorpommern an der polnischen Grenze wurde sogar Katastrophenalarm ausgelöst.

So schlimm so ein eisiges Unwetter für die betroffenen Menschen auch sein mag, für Radioleute ist es nahezu ein „Glücksfall“. Sie können zeigen, dass sie tatsächlich im – immer noch – schnellsten Medium arbeiten. Sie können ihre Hörer über die Lage in ihrem Sendegebiet fundiert informieren, Auskünfte von Polizei, Einsatzleitungen, Krisenstäben, Bahn und anderen Verkehrsbetrieben einholen und sofort verbreiten. Sie können ihre Hörer über deren persönliche Situation im Schneechaos befragen und sie mit kompetenter Berichterstattung auch ein wenig beruhigen oder gar trösten. Genau das tat Antenne MV an diesem Sonntag. Radiomacher im Funkhaus Plate bei Schwerin zeigten nach langer Zeit wieder einmal, was in ihnen steckt, wenn ihnen niemand vor Ort das journalistische Handwerk vermiest.

Tatsächlich ist aus dem einstigen Erfolgssender längst ein Pflegefall geworden; Hörerzahlen und Marktanteil halbierten sich in den vergangenen Jahren. In der zuletzt veröffentlichen Media-Analyse kam Antenne MV nur noch auf 99.000 Hörer in der Durchschnittsstunde, während der ehemals unbedeutende Konkurrent „Ostseewelle“ auf 150.000 davon zog. Kenner der Radiolandschaft im Nordosten gehen davon aus, dass die Talfahrt in Sachen Hörergunst aktuell sogar noch steiler verläuft. Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt externe Berater, die das Programm in den letzten Jahren mit kurzfristigen und zum Teil widersprüchlichen Konzepten an den Rand des Abgrunds manövrierten. Damit einher gingen die Auflösung der Regionalstudios und der Abbau von redaktionellen Mitarbeitern. Das Programm verlor immer mehr an Kontur und regionaler Kompetenz.

Trotz dieser Sparmaßnahmen scheint es um die finanzielle Situation von Antenne MV zurzeit alles andere als „rosig“ zu stehen. Im Dezember wurde den verbliebenen festangestellten Mitarbeitern überraschend mitgeteilt, dass sie auf ihr Weihnachtsgeld verzichten müssten. Etwa zur gleichen Zeit gab die Geschäftsführung den Umbau der Gesellschafterstruktur bekannt. Seit Beginn dieses Jahres hat die Radioholding REGIOCAST (R.SH, „Radio PSR“ und weitere) mit rund 52 Prozent die Mehrheit der Anteile. Der Kurierverlag aus Neubrandenburg, Herausgeber der Regionalzeitung „Nordkurier“, erhöhte seine Anteile auf 35 Prozent. Den Rest teilen sich einige verbliebene Kleingesellschafter, darunter auch Geschäftsführer Hans-Ulrich Gienke. In einer am 16. Dezember des vergangenen Jahres herausgegebenen Pressemitteilung von Antenne MV hieß es dazu: „Durch die intensivierten strategischen Engagements von REGIOCAST und Nordkurier wird eine deutliche Stärkung der Wettbewerbsposition und der Finanzkraft des Unternehmens sowie seines Programms ermöglicht.“

Da beide Unternehmen nicht unbedingt für Aufstockungen von Personalbeständen bekannt sind, fürchten nun weitere Mitarbeiter von Antenne MV um ihre Arbeitsplätze. Nachdem die Musikredaktion längst ausgelagert wurde, kursieren im Funkhaus Plate jetzt Gerüchte, wonach auch die Nachrichtenredaktion weiter abgebaut werden könnte und auch in der Verwaltung Stellen gefährdet seien.

Angesichts dieser Umstände sind die Leistungen der Antenne MV-Mitarbeiter vom vergangenen Sonntag umso höher einzuschätzen. Die engagierte Berichterstattung über die gravierenden Folgen der Schneestürme in Mecklenburg-Vorpommern wurde nach übereinstimmenden Auskünften mehrerer Beteiligter weder von der Geschäftsführung noch von der Programmleitung initiiert. Womöglich war es einfach nur ein Aufschrei von ambitionierten Radiomachern gegen kurzsichtige Berater und raffgierige Gesellschafter.

Hinweis: Diesen Blogeintrag widme ich den Mitarbeitern im Funkhaus Plate, die ich noch aus meiner Zeit als Geschäftsführer und Programmdirektor von „Antenne MV“ (1993 – 1998) persönlich kenne und schätze.

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