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ARD-Gefrierpunkt und ZDF-Pannenhilfe

In Deutschland war es in den beiden vergangenen Tagen so kalt, dass den öffentlich-rechtlichen Programmmachern der Sinn fürs Wesentliche gänzlich verloren ging.

8. Januar 2009. Wer hätte das gedacht: bei Temperaturen unterhalb des Gefrierpunkts frieren die Menschen, bei minus 10 Grad streiken alte Autobatterien und ab 20 Grad unter Null sogar Dieselmotoren. Diese – und weitere Erkenntnisse verdanken wir engagierten öffentlich-rechtlichen Fernsehmachern, die uns am Mittwoch in Nachrichten- und Magazinsendungen pausenlos empfahlen, bei solch niedrigen Temperaturen „warme Mützen aufzusetzen“ oder „besser erst gar nicht vor die Tür zu gehen, wenn es nicht unbedingt sein“ müsse.

Weil die Dauerberieselung in Sachen Kälte aus Sicht der Chefredaktionen wohl für die öffentlich-rechtliche Grundversorgung nicht ausreichte, hievten ARD und ZDF am Abend noch Spezialsendungen in ihre Programme. Weitgehend inhaltsfrei – dafür aber zeitnah.Beide öffentlich-rechtlichen Kanäle stürzten sich zum Beispiel auf Langwiesen in Thüringen. Dort waren zwei Gasdruckregler ausgefallen, was zum Ausfall der Heizungen in Hunderten von Haushalten führte. Zum Glück hatte Schulsekretärin Dagmar Marten einen Heizlüfter in ihrem Büro und konnte ohne kalte Füße die Eltern der Kinder telefonisch darüber informieren, dass am Mittwoch die Schule ausfiel.

Einen Heizlüfter und drei Pullover brauchte auch eine Marktfrau im sächsischen Dippoldiswalde. Da waren die Temperaturen in der Nacht zuvor auf stolze 27,7 Grad unter Null gesunken. Die Mainzelmänner ernannten das Städtchen am Rande des Erzgebirges in ihrem „ZDF Spezial“ kurzerhand zum „kältesten Ort Deutschlands“ und hatten dabei wohl übersehen, dass es in Oderwitz in der Oberlausitz in der Nacht zu Mittwoch minus 29,1 Grad kalt war, wie der „ARD-Brennpunkt“ herausfand. Ansonsten informierten beide Sondersendungen anrührend darüber, dass die Dippoldiswalder froren und kaum jemand auf den Wochenmarkt ging – was nach Auskunft Ortskundiger auch bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt durchaus nicht außergewöhnlich ist.

Werbefilm der Mainzelmänner für den ADAC

Wenn bei der Saukälte das Auto streikt, ist das gar kein Problem. Es gibt ja schließlich die „gelben Engel vom ADAC“. Die sind immer im Einsatz – zum Beispiel am Mittwoch in Dresden, wo eine ZDF-Reporterin den Pannenhelfer Maik Wetzel bei seinem unermüdlichen Einsatz gegen frostgeschockte Autobatterien und versagende Fahrzeugelektronik begleitete. Natürlich bekam der „gelbe Engel“ die streikenden Autos wieder flott oder ließ sie abschleppen. Fernsehzuschauer erfuhren bei dieser Gelegenheit auch gleich, dass für ADAC-Mitglieder derlei Service kostenlos ist und der Automobilclub sogar vor Ort neue Batterien verhökert. Der ADAC kann den ZDF-Beitrag künftig problemlos als Werbefilm einsetzen.

Zum Gl?ck steigen die Temperaturen inzwischen wieder. Möglicherweise entschließen sich die öffentlich-rechtlichen Systeme bei Erreichen der Null-Grad-Grenze zur Ausstrahlung weiterer Sondersendungen. Nützliche Inhalte wären zum Beispiel: Jetzt braucht man keine Pudelmütze mehr aufzusetzen, die Schulsekretärin im thüringischen Langwiesen kann den zusätzlichen Heizstrahler wieder abstellen und die „gelben Engel vom ADAC“ sind immer noch im Einsatz, um liegengebliebenen Autofahrern Mitgliedsverträge unterzuschieben. Titelvorschlöge gibt’s auch schon: „ARD-Gefrierpunkt“ – statt „Brennpunkt“ und „ZDF-Pannenhilfe“.

Nachtrag: Wie Quotenmeter berichtet, haben ARD und ZDF mit ihren eisigen Sondersendungen am 8. Januar „durchweg gute Quoten“ erzielt.

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