Medien

Alle auf Ulla

Der geklaute Dienstwagen von Ulla Schmidt sorgt für große Aufregung in den Mainstream-Medien. Dass die Gesundheitsministerin in Spanien Ferien macht, während sich die Schweinegrippe daheim immer mehr ausbreitet, hat dagegen bislang offenbar niemanden gestört.

27. Juli 2009. „Ob Ulla Schmidt statt Dienstwagen die Schweinegrippe mit nach Hause bringt?“ fragte am Sonntag Jürg Marx im Mikro-Blog „Twitter“. Der Eintrag war wohl so pfiffig, dass ihn am Montag „Spiegel Online“ gleich für eine eigene Satire adaptierte: „Und womit kommt die Ulla jetzt zurück?“ fragt SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier per Sprechblase. Darauf antwortet der innerparteiliche Kontrahent Steinbrück breit grinsend: „Mit der Schweinegrippe, hahaha!!!“. Klar doch, seit Samstag, als bekannt wurde, dass der S-Klasse-Mercedes der Ministerin an der spanischen Costa Blanca geklaut wurde, lautet die Devise „alle auf Ulla“, längst nicht nur bei „Spiegel Online“.

Und fast alle berichten und kommentieren brav das, was Nachrichtenagenturen und Leitmedien vorgeben, auch wenn’s hin und wieder lächerlich anmutet, so wie am Montag die Überschrift zu einem Beitrag der Onlinezeitung „Die-TopNews.de“: „Ulla Schmidt und ihr Dienstwagen in der Kritik.“ Nun gut, dass die Gesundheitsministerin in der Kritik steht, ist noch nachvollziehbar – aber der Dienstwagen? Vielleicht, weil er sich einfach klauen ließ.

Bislang hat – soweit erkennbar – auch noch kein Berichterstatter herausgefunden, ob Ulla Schmidt in diesem Jahr erstmals Dienst-Mercedes, samt Fahrer und dessen Familie wegen angeblicher beruflicher Verpflichtungen über 2.500 Kilometer an die Costa Blanca fahren ließ. Zumindest hat sie im August 2008 deutsche Rentner in der Nähe des Urlaubsorts Benidorm aufgesucht, wie der spanische Onlinedienst „informacion.es“ berichtet. Dass sie diesen Termin mit einem Leihwagen wahrgenommen hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Journalisten hätten das längst mit einem Anruf bei den offenbar rüstigen Rentnern der Residenz unter evangelischer Leitung herausfinden können.

Stattdessen erhöhen die Mainstream-Medien am Tag drei nach Bekanntwerden des vermeintlichen Skandals lieber den „Druck auf die Ministerin“, und nutzen dafür Statements und Pressemitteilungen von Oppositionspolitikern und Verbandsfunktionären. „Privates Vergnügen auf Kosten der Steuerzahler?“, fragt wohl nicht ganz zu unrecht der Bund der Steuerzahler auf seiner Homepage und stellt gleich auch noch Schreiben an das Büro der Ministerin und an den Regierungssprecher zum Download zur Verfügung.

Werbekampagne des Autovermieters Sixt

Offenbar niemand fragt indes, warum die zuständige Gesundheitsministerin ihren Spanien-Urlaub nicht längst abgebrochen hat, weil sich in Deutschland die Schweinegrippe seit mehr als einer Woche immer mehr ausbreitet. Das ist doch der eigentliche Skandal, über den sich die Medien bislang allerdings ausschweigen. Übrigens – wenn Ulla Schmidt verantwortungsbewusst ihren Urlaub vorzeitig beendet hätte, wäre ihr Dienstwagen auch noch da, die negativen Schlagzeilen aber nicht. Nachtrag: Eine wesentlich pfiffigere Satire als „Spiegel Online“ hat seit Montag „Sixt“ auf der eigenen Homepage im Angebot. Der Autovermieter machte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt kurzerhand zur unfreiwilligen Werbeikone.